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Dießen

Startup-Safari im westafrikanischen Ghana

Der Dießener Hans-Peter Sander vom Ammersee Denkerhaus Coworking Space war mit Gründern aus Äthiopien, Ghana und Senegal auf einer GiZ-Lernreise „My Region is the Lab“ in Ghana unterwegs

Sander besuchte bei der Lernreise „My Region is the Lab“ durch Ghana gemeinsam mit 20 Gründungswilligen aus Ghana, Äthiopien und Senegal Startups und Inkubatoren genannte Gründerzentren im ländlichen Raum. In der Woche entwickelten die afrikanischen Teilnehmenden unterstützt von ghanaischen sowie deutschen Experten ihre Gründungskonzepte weiter. Am Ende der Reise präsentierten sie in einem Coworking Space in Kumasi, Hauptstadt der Ashanti-Region im Süden von Ghana, in einem sogenannten Pitch ihre Projektideen.

Auszuprobieren, wie im ländlichen Raum Startups erfolgreich sein können, wie sie die Arbeitswelt für die Menschen in der Region attraktiver machen und wie sie die Region wirtschaftlich stärken, hatte sich im vergangenen Jahr das Ammersee Denkerhaus in seinem vom Bund geförderten Projekt „Innovationsforum BIGHub“ vorgenommen. Über neun Monate hatten die Dießener Coworker dafür ein weitläufiges Netzwerk von Innovatoren und Gründern südlich von München geknüpft.

Einer der Partner ist die Feldafinger GiZ-Niederlassung mit ihrem vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) getragenen GiZ-Projekt „Innovation Factory“.

Diese Innovationswerkstatt ist in drei Handlungsfeldern aktiv: Regionen-übergreifende Kooperationsnetzwerke für digitale Innovationen entwickeln, Voraussetzungen für die globale Vernetzung der Kooperationsnetzwerke und für die Entwicklung digitaler Innovationen schaffen. Ideenwettbewerbe sollen Innovationen in drei Kernbereichen hervorbringen: ICT4women, ICT4migration und ICT4climate, wobei die Abkürzung ICT für Information and Communications Technology steht.

Sander konnte sich in Ghana über ein Wiedersehen mit einigen ihm bekannten afrikanischen Teilnehmenden freuen. Im Oktober letzten Jahres hatte Dießens Ammersee Denkerhaus zu den Stationen einer von der GiZ organisierten Lernreise afrikanischer Partner durch Bayern gehört.

Auch in Ghana stand nun eine einwöchige Tour durch ländliche Regionen unter dem Titel „My Region is the Lab“. Erste Station war Tamale, eine in der nordghanaischen Savannenlandschaft gelegene Stadt mit zirka 372.000 Einwohnern, Hauptstadt der Northern Region von Ghana, mit 84 Prozent muslimischer Bevölkerung. Auch, wenn hier mit dem Technical University College of Tamale (TUCT) und der University for Development Studies zwei Hochschulen und diverse internationale Institutionen Büros haben, ist Tamale deutlich sichtbar landwirtschaftlich geprägt. In der Umgebung werden Hirse, Maniok, Baumwolle und Erdnüsse angepflanzt, Tamale ist auch ein Knoten für Gütertransporte auf der Straße und vom Kleinhandel sowie Kleinstwerkstätten geprägt.

In Tamale standen „field visits“ bezeichnete Besuche von Gründungsinitiativen im Mittelpunkt. Gleich zu Beginn ein echtes Highlight für den Coworker Sander: An einer quirligen Straße überraschte in einem unscheinbaren, mehrstöckigen Haus mit der „HOPin Academy“ ganz unvermutet ein Inkubator mit Räumen für Coworking und Maker Lab. Dort wird vor allem mit Computer- und Programmierkursen sowie Lehrgängen für Gründungswillige Knowhow vermittelt und genetzwerkt. Folgerichtig stellte auch ein Gründer, der im HOPin Kurse besucht und sein Unternehmen gegründet hatte, sein Startup für die Produktion und den Vertrieb von Sheabutter vor. Mit seiner Firma sorgt er dafür, dass das aus den Nüssen des Karitébaums von Bauern der Region gewonnene gelblich-weiße Fett als Rohmasse unter anderem für Kosmetikprodukte weiterverarbeitet wird.

Staatlich unterstützt von Kanada arbeitet in Tamale das besuchte „Eqwip Hub“, ein Gründerzentrum und Inkubator, der sich vor allem auf die Ausbildung unternehmerischer Fähigkeiten fokussiert. Ein weiteres Ziel der Field Visits war „Savannah Signatures“, eine digitale Werkzeuge einsetzende Nonprofit-Organisation (NPO). Diese will vor allem den Zugriff auf wichtige Informationen und Fähigkeiten für das Leben von Kindern, Jugendlichen sowie jungen Frauen verbessern. Ein Schwerpunkt ist die Wissensvermittlung zu Fragen der sexuellen Gesundheit für Schwangere und junge Mütter. Komplett digital aufgestellt ist auch das besuchte Startup „Cowtribe“. Dieser ambitionierte Online-Händler ist auf den Vertrieb von Impfstoffen für die Tiere der Bauern in der Region spezialisiert.

Die zweite Hälfte der Lernreise führte die Gruppe von Tamale in die Millionenstadt Kumasi, die Hauptstadt der Aschanti-Region und das Zentrum der gleichnamigen Kultur im zentralen Süden von Ghana. Das Reich Aschanti hat eine interessante, wechselvolle Geschichte, es war lange eine regionale Großmacht, Kumasi war und ist der Sitz der Aschanti-Könige. Dass die Institutionen des Königtums auch heute im modernen Ghana weiter existieren, konnte Sander als zufälliger Augenzeuge eines Aschanti-Council-Meetings miterleben. Kumasi ist von Dschungelgebieten umgeben und die Stadt selbst präsentiert sich – besonders im Gegensatz zum 400 km nördlicher im Savannengebiet gelegenen Tamale – als „Gartenstadt“ mit einer üppigen, vielfältigen Pflanzenwelt.

Im „HapaSpace“ von Kumasi, einem kleinen modernen, lebendigen Coworking Space und Inkubator, entwickelten die afrikanischen Teilnehmenden ihre Projektideen weiter. Ein zweitägiges Bootcamp – ein intensives Gruppentraining, das in der Regel von „strengen“ Trainern (oft sogar „Drillmaster“ genannt) angeleitet wird – diente zunächst der Reflexion der bei den Field Visits gesammelten Erkenntnisse. Unter professioneller Anleitung eines ghanaischen Trainergespanns von „The Pitch Hub“ in Accra, einem Beratungs- und Ausbildungsunternehmen für Jungunternehmer, bekamen die Teilnehmenden Informationen aus erster Hand zum Umgang mit potenziellen Investoren und bereiteten sich auf den abschließenden Höhepunkt der Lernreise vor: Die Präsentation ihrer weiterentwickelten Projektideen.

Der sogenannte Pitch zeigte das große soziale Engagement und eine enorme Themenvielfalt von Projekten zur ländlichen Entwicklung. Da stellten aus Äthiopien Talila ein Bienenzuchtprojekt als zusätzliche Erwerbsquelle, Milat eine digitalisierte Lösung zur Verbesserung der Wasserversorgung, Mekides ein Konzept zur optimierten Verteilung der kostbaren Ressource Wasser für die Farmen, Mizan ihre schon weit fortgeschrittene Idee zur dezentralen Stromerzeugung und -versorgung durch schwimmende Solarzellen auf Stauseen, Tsigereda ihren Plan zum Bau von Lagerhallen für landwirtschaftliche Produkte vor.

Evelyn aus Ghana führte ihr SnailPockets-Projekt vor: Blechkisten zur Schneckenhaltung, deren Schleim als wertvoller Rohstoff für die Pharma- und Kosmetikindustrie gewonnen (ohne die Tiere zu schädigen) und gesammelt werden soll. Isaac arbeitet im entlegenen Norden Ghanas an einem Hackerspace- und Coworking-Projekt. In diesem sollen Jugendliche neben einer IT- und unternehmerischen Grundausbildung auch an einem konkreten Projekt arbeiten: Produkte vor allem aus den Unmengen nicht recycelter Plastikwasserflaschen entwickeln und herstellen. Das Projekt hat eine wichtige Pilotfunktion: Von 28,8 Millionen Einwohnern in Ghana leben 7,45 Millionen junge Leute (unter 25) in ländlichen Regionen.

Auch die Ideen aus dem Senegal waren eindrucksvoll: Adalbert (der auch als Fifa-Schiedsrichter agiert) will die Bauern mit heimischem Saatgut stärken, dessen Vielfalt in einer Datenbank erfasst werden soll und dessen Produktion sowie Vertrieb er fördern will. Marie entwickelt eine digitale Plattform zur unternehmerischen Ausbildung von Startups. Omar arbeitet an einem ambitionierten Projekt, einem „Letzte-Meile-Startup“, mit dem er in einer Art „Uber for Parcels“ die Zustellung von Paketen landesweit und später auch in benachbarten Ländern übernehmen will.

Sehr beeindruckend waren die strikt sozial ausgerichteten Projekte: Rya aus Ghana will durch die Vergabe von Micro-Krediten an Migranten sowie durch digitale Alphabetisierung deren wirtschaftliche Unabhängigkeit ermöglichen.

Terfasa aus Äthiopien will mit einem Bildungsprojekt die ungesetzliche Migration vor allem Jugendlicher aus Äthiopien und anderen Ländern reduzieren. Benedicta aus Ghana stellte ihr eindrucksvolles „Women and Youth Economic Empowerment Program“ vor. Sie will mit einer ersten, einfachen unternehmerischen und handwerklichen Ausbildung in benachteiligten ländlichen Regionen jungen Frauen, von denen viele schon sehr früh Mütter geworden sind, Starthilfe geben. Die Ausbildung soll etwa in Hutmacherei, der Herstellung von Seifen oder Joghurt, von modischem Zubehör oder in Weberei erfolgen. Der Produktvertrieb soll koordiniert und Gelder für das Projekt gesammelt werden. Die Gründerin versichert, schon mit 20 Euro könne jeweils die Ausbildung einer jungen Frau in dem Programm komplett finanziert werden.

So kehrte Hans-Peter Sander mit einer Flut von Eindrücken und neuen Einsichten aus einer faszinierenden Welt nach Dießen zurück. Seine erste Afrika-Reise hat auch völlig neue Erkenntnisse gebracht. Er ist mit sehr gut ausgebildeten, hoch motivierten, aufgeschlossenen, weltoffenen, lebenslustigen Menschen zusammengetroffen. Beeindruckt hat Sander auch das Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Ein Beispiel ist Sander im Gedächtnis geblieben: Tsigereda aus Äthiopien stellte in ihrem Pitch den Zuhörenden eine rhetorische Frage: „Ist Äthiopien eine Wüste?“ Ihre Antwort gab sie umgehend selbst: „Nein, im Gegenteil!“ Mit 351 000 Quadratkilometern hat ihr Land eine Agrarfläche so groß wie die Territorien von Rumänien und Bulgarien zusammen. In partnerschaftlichen Kontakten wollen die Teilnehmenden der Lernreise „My Region ist the Lab“ 2019 nach Ghana verbunden bleiben.

Das Netzwerken wird zum Erfolg der bearbeiteten Projekte beitragen, ist Sander überzeugt. (der)

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