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Dießen

„Mut, Wege zur Selbsterkenntnis“

Am Sonntag gingen die zweiten Kreiskulturtage zu Ende – Reflexionen zum Thema „Mut“

Bei „Mut“ verhält es sich anders. Was Mut ist, kennen wir aus eigener Erfahrung. Die Frage liegt auf dem gleichen Niveau wie die Frage nach Hunger oder Durst. Deshalb antworten wir auf die Frage nach dem „Mut“ mit individuellen Erkenntnissen. Jeder von uns hat Situationen erlebt, in denen er mutig war oder vielleicht sogar mutlos. Für den einen ist es der Kopfsprung vom Uttinger Sprungturm in den Ammersee. Ein anderer zeigt Mut, wenn er sich vor der Klassengemeinschaft für einen Kameraden einsetzt, der von allen ausgelacht wird.

Mut kann aber auch das Unterlassen einer bestimmten Handlung sein. Wer sich zum Beispiel weigert, etwas zu tun, kann ebenfalls mutig sein. „Mut“ hat viele Gesichter. Diese sind so individuell wie die Anlagen der Menschen und die Situationen, in denen wir uns befinden. Allerdings ist Mut nicht nur auf einen einzelnen Menschen begrenzt. Gruppen von Menschen können gleichfalls mutig sein.

Man denke an das Verhalten einiger Dänen während der Besatzung durch Nazi-Truppen im 2. Weltkrieg. Als die Menschen dort erfahren haben, was mit deportierten Juden passiert, haben diese sich mit jüdischen Bürgern auf eine besondere, mutige Weise solidarisiert. So soll König Christian X. mit einem Davidstern auf der Brust durch die Straßen von Kopenhagen geritten sein, und auch Bürger der Stadt trugen angeblich den gelben Stern, um ihre Verbundenheit mit Juden zu demonstrieren.

Lassen Sie uns ein bisschen Ordnung in das Thema bringen. Hilfreich ist dabei immer ein Ausflug in die Wortgeschichte. Im Altgriechischen wird „Mut“ mit dem Wort „Thymos“ bezeichnet. Darunter verstand die griechische Antike „Lebenskraft“, „Wille“, „Begierde“, „Leidenschaft“ aber auch „Gesinnung“. Als philosophisches Konzept ist der Thymos von Platon eingeführt worden. Platon spricht vom Thymos als eine der drei menschlichen Grundmotivationen. In der Antike wurde der (sterbliche) Thymos von der unsterblichen „Psyche“ und vom „Nous“, dem Verstand, unterschieden. Im Lateinischen heißt das griechische Wort „Thymos“ der Mut, „Animus“. Wir kennen diesen Ausdruck aus dem Bereich „anima“, „Seele“ und „animal“ was Lebewesen heißt. Das geläufige Wort „Audacia“, meint eher so etwas wie Kühnheit, Frechheit, Verwegenheit. Unser deutsches Wort „Mut“ stammt aus dem Indogermanischen und meint mit der Silbe „mo“ sich mühen, starken Willens sein und heftig nach etwas streben. Im Germanischen wird mit den Worten „moda“, „moa“, moaz und modaz Sinn, Mut und Zorn ausgedrückt. Im Althochdeutschen meint „muot“ „Sinn“, „Seele“ „Geist“, „Gemüt“, „Kraft des Denkens, Empfindens und Wollens“. Wir sehen, dass hier eine große Nähe zu dem altgriechischen Wort „Thymos“ besteht. Im Hochmittelalter, also in der Zeit des 12. und 13. Jahrhundert, wird der Mut in der epischen Dichtung und im Minnesang als „hoher muot“ im Sinne von Hochherzigkeit und Edelmut zu einer Tugend, die den „edlen Ritter“ kennzeichnet. Sobald sich aber das edle Rittertum von seinen Ursprüngen entfernt, wird aus dem Hohen Mut der „Hochmut“.Ein hochmütiger Ritter ist einer, der das Maß verloren hat. Je mehr wir uns unserem gegenwärtigen Sprachgebrauch nähern desto mehr Wortneubildungen und Wortzusammensetzungen finden wir. Im Neuhochdeutschen zeigen Begriffe wie „Großmut“, „Sanftmut“, „Langmut“ sowie „Schwermut“ die Stimmung eines Menschen an. Seine Willenskraft wird mit „Wagemut“, „Freimut“, „Wankelmut“, „Übermut“ und „Kampfesmut“ ausgedrückt. Häufig wird der Mut besonders der Jugend zugesprochen. Jung sein, bedeutet auch mutig sein. Mut gehört zu den Vorrechten junger Menschen. Der eigentlich philosophische Gehalt des Muts liegt woanders. Wer in einer bestimmten Situation Mut zeigen soll oder zeigen möchte, der muss überlegen und nachdenken. Selbst wenn die Reflexion auf die Gefahren und Risiken in einer Situation auch nur den Bruchteil einer Sekunde dauern könnte, so ist diese Reflexion jedoch wesentlicher Bestandteil einer mutigen Handlung. Der kognitive Aspekt liegt genau darin, dass ich abwägen muss, was ich zu leisten imstande bin und ob mir der Einsatz meines Lebens oder der Verlust meiner Gesundheit diesen Einsatz wert sind. Ich muss also wissen, was mein Körper, meine Muskeln, oder mein Verstand können und was meine Psyche ertragen kann.

So haben die Geschwister Scholl mit ihrer Flugblattaktion im Lichthof der Münchner Universität genau gewusst, welches Schicksal sie erleiden müssen, wenn sie als Urheber identifiziert werden. Was ja dann geschah durch den Hausmeister, der sie beobachtet und verraten hatte. Sie haben Ihren Mut mit dem Tode bezahlt..

Der wesentliche Aspekt bei Mut ist die Selbstreflexion. In einer mutigen Handlung wachsen wir über uns hinaus, wir realisieren das, was wir und möglicherweise andere Menschen vielleicht gar nicht für möglich gehalten haben. Deswegen bohrt sich das so in unser Gedächtnis. Mut erhöht unsere Existenz und hebt uns über unseren normalen Erfahrungsraum hinaus. Das Leben bestimmt sich durch mutige Momente.

Sie können den Bodensatz menschlichen Lebens bilden und bis ins hohe Alter wirken. Häufig bekommt das Leben eines Menschen erst durch eine mutige Handlung seinen Sinn. Mut prägt und formt das menschliche Individuum, stachelt den Menschen an, verändert ihn und macht bisweilen einen komplett anderen Menschen aus ihm, als der er vorher war.

Allerdings ist nicht alles, was mutig erscheint wirklich mutig, sondern eher dumm.

Auf das Dach eines strombetriebenen Zug zu klettern und zu surfen, mag in Hollywoodfilmen gut aussehen, ist aber in Wirklichkeit ein Ausdruck von Dummheit. Mut braucht Vernunft. Philosophisch gesehen ist das genau das Thema der Aufklärung. Immanuel Kant hat im 18. Jahrhundert diesen Grundgedanken der Aufklärung in dem berühmten Satz „sapere aude“ zusammengefasst. „Habe Mut Dich deine Verstandes zu bedienen“, schreibt der Königsberger Philosoph. Nebenbei bemerkt stammt der Spruch vom römischen Dichter Horaz, den dieser in seinen Briefen, den Episteln, bereits im Jahr 20 v. Chr. veröffentlicht hat. Mutig sein, heißt bei Kant einfach nachzudenken und zwar radikal. Das wiederum bedeutet nichts anderes als an die Wurzel einer Sache zu gehen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen heute, dass Sie mit offenen Augen die hier ausgestellten Arbeiten aufnehmen und mitnehmen für ihr Leben, wie Kunst das Thema „Mut“ illustriert. Seien Sie mutig und bleiben Sie mutig

Vorliegender Text ist ein Auszug aus der Eröffnungrede für die Ausstellung des Regionalverbands Bildender Künstler in der Bayerischen Verwaltungsschule (BVS) in Holzhausen zum Thema „Mut“ Die Ausstellung in der BVS ist noch bis 30. Mai zu sehen.

Von Alois Kramer

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