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Dießen

„Lasst uns länger arbeiten“

Interview mit dem gebürtigen Dießener und jetzigem SZ-Redakteur Alexander Hagelüken

Ammersee Kurier: Ihr Buch hat mit dem Titel „Lasst uns länger arbeiten“ eine Aussage, die nicht jedem gefallen dürfte.

Alexander Hagelüken: Das ist natürlich bewusst provokant gewählt, aber wir müssen uns an das Thema „Rente“ heranwagen und dürfen nicht davor die Augen verschließen. Die Lebenserwartung der Menschen nimmt radikal zu. Wir sind immer gesünder, wir arbeiten immer weniger körperlich. Gegenwärtig sind 15.000 Menschen 100 Jahre und älter. In 25 Jahren wird es deutlich mehr Hundertjährige geben als jetzt. Zudem kommen mit der Akademisierung unserer Gesellschaft viele Menschen später in den Beruf. Die Politik macht für die Rente Versprechungen, die von Menschen unter 50 Jahren bezahlt werden müssen. Ich verstehe das Buch als einen Beitrag zu den Themenbereichen Altersarmut, Generationengerechtigkeit und Demographie. Statistiken sagen, dass von zehn Bundesbürgern acht Angst haben, ihre Rente könnte nicht reichen. Die Angst ist durchaus begründet. Wissenschaftler glauben, dass die Welle der reichen Rentner nur noch 15 Jahre anhält.

Ammersee Kurier: Sie diskutieren in ihrem Buch verschiedenen Lösungsansätze.

Alexander Hagelüken: In der Kürze ganz plakativ. Wir brauchen höhere Rentenbeiträge, wir müssen auch älteren Menschen einen Beitrag abverlangen und uns langsam ans längere Arbeiten gewöhnen.Wir sollten anfangen, etwa alle zehn Jahre den Renteneintritt um ein Jahr anzuheben. Das sind übrigens Themen, die von Ökonomen schon lange diskutiert werden.

Ammersee Kurier: Sie fordern, das Thema „Rente“ jetzt anzugehen.

Alexander Hagelüken: Genau, denn es wird langsam dramatisch. Die SPD möchte das Rentenniveau bis zum Jahr 2040 festschreiben. So was geht einfach nicht. Das klingt verführerisch. Stabile Renten, wer will das nicht. Doch wer soll das bezahlen? Wenn das komplett die Arbeitnehmer finanzieren müssen, wird es für sie enorm teuer. Die Rentenpolitik ist langfristig nicht absehbar. Wir müssen radikal vorgehen. Etwa alle Beamte in die Rente einzurechnen, Unternehmen höher besteuern oder auch etwa das Versorgungswerk von Ärzten einbeziehen. Viele Selbstständige dürfen selbst entscheiden. Sie können in die Rentenversicherung. Oder sie entziehen sich der Umlage und setzen stattdessen auf den Kapitalmarkt, wo Aktien oder Immobilien gute Erträge versprechen. Ärzte, Anwälte oder Architekten zahlen pflichtmäßig in Versorgungswerke ein, die teils deutlich höhere Altersbezüge bringen als die gesetzlichen Renten. Und dann sind da noch knapp zwei Millionen Beamte, die für ihr Alter selbst wenig einzahlen - aber später deutlich mehr bekommen als normale Ruheständler.

Ammersee Kurier: Länger arbeiten als Lösung?

Alexander Hagelüken: Wer im Beruf bleibt, bleibt fitter, empfindet mehr Sinn und erhält mehr Kontakte. Ein paar Jahre in Teilzeit auszuschwingen, tut Körper und Psyche besser als das abrupte Aufhören von heute. Ein Blick in die europäische Landschaft zeigt. Andere Länder vollziehen längst nach, dass sich länger arbeiten lässt. Dänemark, die Niederlande und Italien haben das Ruhestandsalter der Zukunft schon auf über 68 angehoben. Staaten wie Schweden und Norwegen knüpfen die Rentenzahlungen an die steigende Lebenserwartung, was gesunde Bürger. bewegt, länger im Beruf zu bleiben.

Von Alois Kramer

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