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Dießen

Gute und schlechte Geheimnisse

Bianca Karlstetter von der SOS-Fachstelle SeM führte mit den Mädchen der sechsten Klassen der Realschule Dießen einen Präventionsworkshop zu sexueller Gewalt durch

An diesem Tag geht es für die Schülerinnen unter anderem um gute und schlechte Geheimnisse. Unter dem Titel versteckt sich das Thema sexuelle Gewalt, denn Bianca Karlstetter ist erfahrene Fachkraft in der Beratung von Opfern und deren Familien. Seit 2016 arbeitet sie für das SOS-Kinderdorf in der Fachberatungsstelle für Betroffene von sexuellem Missbrauch und sexualisierter Gewalt im Kindes-, Jugend- und jungem Erwachsenenalter – kurz SeM. Sie hat die Stelle etabliert, nachdem im Jugendhilfeausschuss des Landkreises deutlich wurde, dass eine solche Anlaufstelle fehlt.

Im Rahmen einer halben Stelle und angegliedert an das SOS-Familien- und Beratungszentrum ist es seitdem Karlstetters Aufgabe, Betroffene im Fall sexueller Übergriffe oder sexuellem Missbrauch zu beraten, zu unterstützen und in Krisen beizustehen. Dabei kooperiert sie zum Beispiel mit dem Jugendamt, Psychotherapeuten und Sozialarbeitern, Ärzten, der Polizei und dem Weißen Ring. Zudem berät sie pädagogische Fachkräfte bei Verdachtsfällen und führt Präventionsarbeit an Schulen und weiteren Einrichtungen in Form von Workshops, Elternabenden und Schulungen der Fachkräfte durch.

Rund 40 Fälle sind im Jahr 2018 an Karlstetter herangetragen worden. Beraten hat sie über 500 Personen in dem Jahr. „Oft suchen Mütter mit einem komischen Bauchgefühl oder vagem Verdacht Hilfe“, so Karlstetter. Aber auch Kinder und Jugendliche kommen direkt zu ihr in die Spöttinger Straße 4 in Landsberg.

Rund 80 Prozent der Täter sexueller Gewalt stammen aus dem sozialen Nahfeld, also überall dort, wo die Betroffenen sich aufhalten. „Das macht es für die Kinder und Jugendlichen so schwierig, da sie die Personen oft mögen, diese aber etwas machen, das sie eklig finden oder nicht einordnen können.“ Besonders prekär sind Missbrauchsfälle in der Familie, denn je näher betroffene Kinder oder Jugendliche TäterInnen stehen, umso schwerer fällt es ihnen, sich jemandem mitzuteilen und Hilfe zu holen. „Wenn Kinder von Übergriffen erzählen, hat das eine ganz hohe Glaubwürdigkeit. Ein Kind denkt sich so etwas nicht aus, gerade in jungen Jahren!“, so Karlstetter.

Die Mädchen in der Realschule Dießen haben insbesondere durch die Medien schon von sexueller Gewalt gehört. Sie berichten ebenfalls von „blöden“ Situationen an Bushaltestellen mit pöbelnden Halbstarken oder von einem Mann, der einem der Mädchen im Dunkeln gefolgt ist. Diese Fälle sind gut ausgegangen und Karlstetter ermutigt die Mädchen zu aktivem Handeln und vor allem, sich immer konkrete Hilfe zu holen. Sie hält die Mädchen ebenfalls dazu an, Verantwortung für ihre Freundinnen zu übernehmen. „Wenn ihr so ein schlechtes Geheimnis von eurer Freundin anvertraut bekommt und ihr wisst, dass das, was ihr passiert, nicht okay ist, dann solltet ihr darüber mit euren Eltern, Lehrern oder anderen vertrauten Erwachsenen reden. Das hat überhaupt nichts mit petzen zu tun. Nur so könnt ihr der besten Freundin helfen!“

In einem Geheimnisquiz erhielten die Schülerinnen unterschiedliche Situationen und berieten in Kleingruppen, wie sie sich verhalten würden. Wenn der kleine Bruder mal in die Hose gemacht hat, muss man das den Eltern nicht verraten, so der Tenor. Doch wenn der Stiefbruder der besten Freundin übergriffig wird, dann muss ein Erwachsener hinzugezogen werden. Darüber waren sich die Mädchen einig. Anhand eines Filmausschnittes des Theaterstücks „Trau dich!“ zum Thema zeigte Karlstetter den Mädchen noch, wie die Täter ihr übergriffiges Verhalten zu vertuschen versuchen. So reden sie oft von Mitschuld des Betroffenen, versuchen übergriffige Handlungen als ein besonderes Geheimnis zu verpacken oder jagen den Opfern mit Drohungen Angst ein. „Und wenn ihr euch schlecht fühlt, ihr dürft euch jederzeit Hilfe holen! Es lohnt sich, mutig zu sein!“, ermuntert Karlstetter die Mädchen am Ende des Workshops.

Bianca Karlstetter hat den Auftrag, den Betroffenen und ihren Familien oder Fachkräften in Einrichtungen beratend, vermittelnd und unterstützend zur Seite zu stehen. „Nachdem der Schutz gewährleistet ist, ist es oft zunächst wichtig, in Ruhe die nächsten Schritte zu überdenken und zu planen“, so Karlstetter.

Ihre Stelle, die mit 90 Prozent vom Jugendamt und mit 10 Prozent aus SOS-Eigenmitteln finanziert wird, ist herausfordernd, insbesondere weil es nur eine halbe Stelle ist. Es gibt so viele Fälle, dass eine Halbtagsfachkraft diese alle gar nicht beraten kann. Außerdem seien Anfragen für Präventionsberatung deutlich angestiegen und die Stelle im Krankheits- und Urlaubsfall nicht besetzt. „Viele nötige Aufgaben sind mit 20 Stunden kaum mehr leistbar, wenn man als einzige Fachkraft in Teilzeit im Landkreis für Betroffene von sexueller Gewalt zuständig ist“, so Karlstetter. Ziel ist es daher, einen weiteren Kollegen bzw. eine Kollegin in der Fachstelle SeM zu engagieren, mit dem oder der sich Karlstetter unter anderem in schwierigen Fällen austauschen kann. Aber erst in rund eineinhalb Jahren möchte der Jugendausschuss nochmals überprüfen, ob eine Aufstockung nötig ist. (pm)

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