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Friedensbrücke zwischen Deutschland und Italien

Boves trifft Schondorf – Bürgermeister Maurizio Paoletti und seine Friedensschule

Schondorf/Boves – Die St.-Anna-Kirche in Schondorf ist in warmes Kerzenlicht getaucht. Im Altarraum stehen mit Trauerbändern versehene Fotografien von Don Mario Ghibaudo und Don Bernardi, zwei Geistliche aus der italienischen Stadt Boves. Die Geistlichen sind am 19. September 1943 von deutschen Soldaten ermordet worden, die bei einem Massaker auch 350 Häuser niederbrannten und Zivilisten töteten. Der Befehlshaber Jochen Peiper liegt auf dem kommunalen Teil des Oberschondorfer Friedhofes begraben. Auf dem Weg, die grauenvolle Vergangenheit ihrer Heimat aufzuarbeiten, ist eine Abordnung aus Boves erstmals 2013 mit Schondorf in Kontakt getreten. Daraus entstand eine Verbindung, die Zeichen setzt für Frieden und Versöhnung. Gegenseitige Besuche und ein monatliches Friedensgebet – zeitgleich in Boves und in Schondorf – sind Signale über Grenzen hinweg, die Versöhnungsarbeit fortzusetzen.

Im Mai gab es zwei intensive Begegnungen: Ein dreitägiger Austausch fand statt zwischen dem Boves-Kreis der Pfarreiengemeinschaft (PG) Utting-Schondorf und mit 19 Mitgliedern der Associazione don Bernardi e don Ghibaudo aus Boves. Danach haben sich die Bürgermeister der Gemeinden – Alexander Herrmann und Maurizio Paoletti – privat getroffen und ihre freundschaftlichen Kontakte fortgesetzt.

Boves ist eine Gemeinde mit heute rund 10.000 Einwohnern in der italienischen Provinz Cuneo im Piemont, direkt an der französischen Grenze. Während des Zweiten Weltkrieges war Boves ein Ort des italienischen Widerstands. Nach dem Waffenstillstand von Cassibile an 3. September 1943 als das Bündnis zwischen Deutschland und Italien zerbrach, hat eine Einheit der 1. SS-Panzer-Division unter Joachim Peiper den Ort besetzt, um Partisanen zu finden. Es kam zu einem Massaker, bei dem die Soldaten das Ortszentrum niederbrannten und Zivilisten umbrachten. An dokumentarischen Stelle ist die Rede von über 100 Menschen. Ähnliche Vorfälle wiederholten sich am 31. Dezember 1943 und am 3. Januar 1944.

Joachim „Jochen” Peiper (30. Januar 1915 in Berlin-Wilmersdorf – 14. oder 15. Juli 1976 in Traves | Frankreich) war erst Adjutant Himmlers und nach Kriegsbeginn hoch dekorierter Standartenführer der Waffen-SS. Dass der als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilte Joachim Peiper auf dem kommunalen Teil des Schondorfer Friedhofs liegt, war hier nicht bekannt. Auch die Beziehung zu der Ammerseegemeinde, die ein Familiengrab dort rechtfertigt, sei nicht klar, sagt Bürgermeister Alexander Herrmann.

Peiper hat in Berlin gelebt und war Industrieller. Die Todesstrafe wurde – laut Wikipedia – aus Mangel an Beweisen in eine Haftstraße umgewandelt, die Peiper in der Justizvollzugsanstalt Landsberg antrat. 1956 wurde er wegen guter Führung entlassen. Er ging nach Südfrankreich, kehrte nach Deutschland zurück und habe dann erneut in Frankreich gelebt, wo er zu Tode kam. Die Umstände lägen im Dunkel. Seine verkohlte Leiche mit Brusteinschuss habe man in seinem abgebrannten Haus in Traves/Frankreich gefunden.

Schondorfer Friedensgebet – Preghiera per la Pace

„In dieses kleine Licht lege ich meine ganze Sehnsucht nach Frieden.” Marius Langer aus Schondorf, der den Friedensgottesdienst mitgestaltete, hielt ein Kerzlein in der Hand und betonte mit innigen Worten die Friedensbrücke, die zwischen Schondorf und Boves entstanden ist als ein wertvolles Beispiel für grenzübergreifende Versöhnung und Freundschaft. Auch Andrea Weißenbach hielt fest: „In diesem Augenblick betet auch die Gemeinde von Don Bruno in Boves. Wir sind so zufrieden, dass die Orte in Freundschaft zusammengefunden haben.” Sie begrüßte auch Nichten von den ermordeten Geistlichen Don Bernardi und Don Ghibaudo, die ihrerseits mit Tränen in den Augen Gebete sprachen. Es war eine deutsch-italienische Gedenkstunde, wobei wesentliche Gebete übersetzt worden sind. Weitere Mitveranstalter waren Michael Schulz vom Boves-Kreis und PG Utting Schondorf, Pfarrer Monsignore Heinrich Weiss (jetzt Caritaspfarrer in Augsburg) und Michele Pellegrino von der Delegation Boves. Zahlreiche Vertreter der Gemeinde Schondorf nahmen teil und der Kirchenchor Heilig Kreuz Schondorf gestaltete unter der Leitung von Erich Unterholzner eine pietätvolle Andacht.

Ein umfangreiches Programm begleitete die italienische Delegation: Sie lernten die Ammersee-Orte kennen, besuchten die Seeanlagen und die Kirche Heilig Kreuz in Schondorf, besichtigten Dießen mit seiner Fischerei und dem Pavillon der Arbeitsgemeinschaft Dießener Kunst, sie erlebten den Ammersee vom Raddampfer aus und ließen sich bairische Brotzeit schmecken. Auch ein Besuch des Peiper-Grabs stand auf dem Programm.

Friedensschule – wichtiger denn je

An einem weiteren Wochenende haben sich die Bürgermeister Alexander Herrmann aus Schondorf und Maurizio Paoletti, das 46-jährige Gemeindeoberhaupt von Boves zum privaten Austausch getroffen, aber auch Themen der Freundschaft diskutiert. Zum Beispiel die Friedensschule, die 1980 in Boves entstanden ist. Ein Projekt der Stadt, das von der Stadt finanziert und organisiert wird. Diese Betonung ist für Maurizio Paoletti wichtig: „Vereine gibt es viele, die sich dem Friedensgedanken verbinden, das ist wunderbar. Aber für mich ist es in erster Linie auch eine öffentliche Aufgabe.”

Paoletti betont, dass die Kriegsvergangenheit der Impuls für die Friedensschule war. „Wir sind eine zweimal abgebrannte, eine gebrandmarkte Stadt und von der Geschichte geprägt.” Deshalb hätte man 1980 mit großer Hoffnung Richtung Friedenssicherung gedacht, „aber heute, mit den internationalen Konflikten hat unsere Einrichtung eine neue Bedeutung bekommen – sie ist wichtiger denn je.”

Die Friedensschule in Boves ist für jedermann zugänglich. Bekannte Persönlichkeiten – Friedensforscher, Literaten, Künstler, Zukunftswissenschaftler, Politiker, Menschen, die etwas zu sagen haben – bieten Seminare, Vorträge, Workshops und Bildungsmaßnahmen unterschiedlicher Themen an. Vor allem auch Schulen aller Gattungen belegen hier Fortbildung und Konzentration auf Zeitgeschichte. Konzept und inhaltliche Ausrichtung werden sehr ernst genommen, „deshalb wird auch die Schulleitung von der Kommune ernannt.”Alexander Herrmann gefällt die Idee der Friedensschule gut: „Lebt man einem Kind Frieden vor, wird es Frieden geben. Gibt man Kindern Krieg vor, wird Krieg kommen.” In diesem Sinne war Herrmann auch sehr berührt, als Boves am 19. September 2015 zum Friedensmarsch eingeladen hatte. Er sei nicht sicher gewesen, wie der Besuch aus Deutschland aufgenommen würde von der italienischen Bevölkerung. „Aber es war ein überaus beeindruckendes Ereignis, das wir nicht vergessen.” Kein Wunder, meinte Paoletti, „Alexander Herrmann hat eine berührende Rede in italienischer Sprache gehalten, die auch vom italienischen Fernsehen ausgestrahlt worden ist.”

Inzwischen gibt es einen schriftlichen Freundschaftsbeleg und der Fokus der Gemeinden liegt auf der europäischen Partnerschaft. „Unsere Arbeit möge Früchte tragen für die junge Generation”, sind die zwei sicher. Deshalb haben sie sich zum Gespräch auch auf dem Dießner Töpfermarkt getroffen, der mit seiner 24-Länder-Beteiligung die große europäische Verbindung pflegt.

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