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„Es nimmt mich immer wieder mit“

Mission-Lifeline-Kapitän Claus-Peter Reisch aus Landsberg spricht in Dießen über seine Erfahrungen

A und O sei die Bekämpfung der Fluchtursachen. Wenn man den Menschen aus den Fluchtländern die Lebensgrundlage entziehe, machten sie sich auf den Weg nach Europa. Viele seien Wirtschaftsflüchtlinge – „sie flüchten vor unserer Wirtschaft“. Durch den Export beispielsweise von Milch, Hühnerfleisch, Kleidung und Gemüse würden in den armen Ländern Arbeitsplätze zerstört.

Zu sehen, wie Menschen im Mittelmeer ertrinken, „nimmt mich immer wieder mit“, so der Kapitän der Mission Lifeline. Er ließ Bilder sprechen bei seinem Vortrag. Und diese machten das Publikum betroffen. Aufnahmen vom August 2019, als 104 Personen sieben Tage lang auf dem Schiff „Eleonore“ausharrten, weil ihnen kein italienischer Hafen erlaubte, an Land zu gehen. Vorher waren sie fünfzig Kilometer vor der libyschen Küste aus einem sinkenden Schlauchboot gerettet worden. Nicht einmal, als Reisch den Notstand ausrief und nach einem schweren Gewitter mit den durchnässten und unterkühlten Flüchtlingen in den Hafen von Pozzallo auf Sizilien einlief, hatten die Verantwortlichen ein Einsehen. Und das, obwohl bereits vor Ankunft klar war, dass die Flüchtlinge nicht in Italien bleiben, sondern auf Frankreich, Luxemburg, Portugal, Irland und Deutschland verteilt werden, weigerte sich Italien, einen sicheren Hafen anzubieten. Reisch wurde festgesetzt, das Boot beschlagnahmt.

In Malta wurde der Kapitän angeklagt – wegen einer Formalie. Weil das in Holland zugelassene Rettungsschiff von Mission „Lifeline“ 2018 angeblich unter einer falschen Registrierung unterwegs war, muss er vielleicht 300 000 Euro Strafe zahlen. Dabei wurden 230 Menschen aus Seenot gerettet. Doch Reisch ist in Berufung gegangen. Am 7. Januar wird voraussichtlich das Urteil verkündet.

„Es ist ein Skandal, dass Leute wie ich da rausfahren müssen!“ Bei der Fahrt seien sie auf ein Schlauchboot mit 180 Personen gestoßen, in dem nur noch eine Luftkammer in Ordnung war. Wenn seine Crew einen Notruf der Seenotleitstelle entgegennimmt und die Menschen im offenen Meer nicht findet, sei das „immer sehr beklemmend“.

Im April 2017 fuhr Reisch erstmals als Kapitän ins Mittelmeer, um Flüchtlinge zu retten. 450 Personen wurden bei der Mission auf dem 32-Meter-Boot mit 18 Mann Besatzung gerettet.

Pfarrer Josef Kirchensteiner, der AI den Raum für die Vortragsveranstaltung zur Verfügung stellte, richtete sich mit einer Bitte an die Besucher. Es sei Christenpflicht, den Geflüchteten alle mögliche Unterstützung zu geben und sich über die Problematik zu informieren. Die Politik sei gefordert, so der Dießener Pfarrer. „Wenn wir in Europa eine Mauer aufziehen gegen Menschen in Not, sperren wir uns selber ein“, warnte er. Es war ihm ein Anliegen, um Verständnis für Flucht der Menschen zu werben, die benachteiligt sind, weil sie in Kontinenten leben, die ausgebeutet werden und in ihrer Heimat keine Chance auf ein menschenwürdiges Leben haben. Sie und ihre Familien verschulden und versklaven sich, um ins „gelobte Europa“ zu kommen, so Kirchensteiner.

Reisch ließ eine Spendenbox durch die Reihen der rund 160 Besucher gehen. Den Betrag spendet er an das Projekt „Bellevue di Monaco“ in der Müllerstraße 3 im Glockenbachviertel. In dem von Flüchtlingen renovierten Gebäude befinden sich zahlreiche Werkstätten und ein Café. Das Geld ist für den Sportplatz, der dort auf dem Dach entsteht. Auch der Großteil der Einnahmen aus dem Verkauf seines Buchs „Das Meer der Tränen: Wie ich als Kapitän des Seenotrettungsschiffes Lifeline Hunderte Leben rettete – und dafür angeklagt wurde“ fließen in das Flüchtlingsprojekt.

Eine klare Message hatte Reisch an die Politiker. „Nicht irgendwelches Zeug nachzuplappern“, sondern sich selbst ein Bild von der Lage im Mittelmeer zu machen. Wie Markus Rinders-pacher, der bei einer Mission an Bord Essen verteilte und die Toilette gereinigt habe. Alleine auf Bildung der Flüchtlinge zu setzen, sei zu wenig. Ausgebildete Personen möchten arbeiten, so Reisch. Doch im Herkunftsland sei ihnen die Arbeit weggenommen worden. Viel Zuspruch erntete seine Forderung, in der Hoffnung auf den Nachahmeffekt die Waffenexporte aus Europa sofort einzustellen.

Was jeder tun kann, um den Flüchtlingen in ihren Herkunftsländern eine Perspektive zu bieten. Keine Bekleidung zu spenden, die in Fluchtländer geht. Reisch zerschneidet seine Kleiderspenden, damit sie nur noch als Putzlappen benutzt werden können. Und Schokolade aus Ghana kaufen. Davon (und von seiner Neuerscheinung) waren an den Infoständen von AI reichlich vorhanden. Das Geld fließt direkt ins Produktionsland. 130 Arbeitsplätze wurden dort durch die Schokoladenproduktion schon geschaffen. Hierzulande einen fairen Preis für Lebensmittel zu zahlen, riet Reisch und AI bot an den Infotischen reichlich Ware für den Gabentisch.

Von Petra Straub

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