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Der Mauerfall, erlebt auf der Insel

Der Dießener Helmut Fietzek war 1989 Lehrer für Deutsch an einer Schule in der Nähe von Oxford

Nur wenigen ist es vergönnt, mitzuerleben, wie sich Geschichte konkret ereignet. Der Mauerfall ist dafür ein Beispiel.

Im Jahr 1989 wurde hauptsächlich der Gründung der Bundesrepublik Deutschland gedacht, konkret am 23. Mai 1989 der Verkündung des Grundgesetzes vor 40 Jahren.

So auch an meiner damaligen Schule in England, der European School Culham nahe Oxford. Zusammen mit dem Kunsterzieher erstellte ich eine Ausstellung mit dem Thema 40 Jahre Bundesrepublik, die dann alle Schüler der Schule – wir hatten Schüler aus ganz Europa als Klientel – im Geschichtsunterricht besuchten, sogar der damalige deutsche Botschafter aus London, Hermann von Richthofen, als er der Schule einen Besuch abstattete. Natürlich wussten wir, dass es einen bekannten Jagdflieger dieses Namens gab, tatsächlich ein Verwandter von Richthofens. Der Botschafter, der im Frühjahr die Schule besuchte, hielt eine interessante Rede über die letzten 40 Jahre der Bundesrepublik – die Perspektive einer Wiedervereinigung der Bundesrepublik mit der Deutschen Demokratischen Republik sprach er ebenfalls an, allerdings eher als Wunsch denn als reale Möglichkeit in naher Zukunft. Lustigerweise hatte er vor seinem Besuch bei uns einen Abstecher nach Oxford gemacht, um dort bei einem Schuhmacher die Schulden zu bezahlen, die der „Rote Baron“, wie der Jagdflieger genannt wurde, noch immer nicht beglichen hatte. Mitte Oktober 1989 hielt ich auf Einladung der Universität Oxford einen Vortrag über 40 Jahre Bundesrepublik, den ich einige Wochen zuvor schon bei den Rotariern gehalten hatte. Ich spürte damals schon anhand der Fragen, die die Honoratioren der Stadt stellten, dass man ein Erstarken einer nationalistischen Partei oder gar eine Wiederholung der Geschichte auf deutschem Boden rein theoretisch nicht sehr gerne gesehen hätte. Von einer Wiedervereinigung Deutschlands oder gar dem Mauerfall war nie die Rede. Das konnten sich die sicherlich gut informierten und gebildet Zuhörer nur in ferner Zukunft vorstellen.

So habe ich auch den Studenten die Frage nach der Einheit Deutschlands anlässlich meines Vortrags in Oxford beantwortet. In einigen Jahrzehnten, vielleicht schien dies möglich. Natürlich haben die englischen Zeitungen im Herbst zunächst eher beiläufig über die Fluchtbewegungen in die Deutsche Botschaft in Prag und über die Flucht vieler DDR-Bürger über die ungarische-österreichische Grenze in den Westen berichtet. Zudem gab es nur vier Fernsehkanäle und – heute kaum mehr vorstellbar – wenig Informationsmöglichkeit über das Internet. Auch wenn man keine Details kannte, die politische Großwetterlage war natürlich bekannt. Und dann kamen fast wie aus heiterem Himmel am Abend des 9. November 1989 die Anrufe von Kollegen und Verwandten aus Deutschland über die Maueröffnung, Auch im Fernsehen sah man die für alle von uns völlig überraschenden Bilder aus Berlin. Wir waren Zeitzeugen eines Ereignisses mit weltgeschichtlicher Dimension geworden. Als man die Frage eines Journalisten an Günter Schabowski, Vertreter des DDR-Regimes, über den Zeitpunkt der Freigabe der Reisemöglichkeiten im Fernsehen sah, musste man den Eindruck haben, auch er sei überrascht gewesen. Kurz danach wurde in Berlin die Mauer gestürmt, die „Friedliche Revolution“ hatte gesiegt.

Tags darauf Umarmungen der Kolleginnen und Kollegen, die uns zu dieser Entwicklung gratulierten, die Iren mit dem Wunsch einer ähnlichen Entwicklung für Irland und Nordirland. Der Abend, den die deutschen Kolleginnen und Kollegen für unsere Kolleginnen und Kollegen aus ganz Europa und deren Familien in der European School veranstalteten, war ein voller Erfolg. Jeder gratulierte uns herzlich und teile unsere Freude und feierte mit uns Deutschen. Wir alle hatten das Gefühl, dass wir Zeugen eines historischen Ereignisses mit weltgeschichtlicher Dimension geworden waren. Die SED-Diktatur stand kurz vor ihrem Zusammenbruch, das Ende des Kalten Krieges und der Teilung Deutschlands zeichneten sich ab, auch wenn es für viele überraschend gekommen war. 40 Jahre Bundesrepublik, darauf waren wir mental eingestellt, nicht aber auf die schnelle Öffnung der Mauer am 9. November 1989. This was history in the making.

Helmut Fietzek

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