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Dießen

Das Vergessen ist schneller als der Tod

Sylvia Brennicke-Kloss ist gestorben – Einst Marktgemeinderätin und Grünen-Aktivistin – In Pähl geboren

„Sie war eine große Frauenpersönlichkeit“, betonen jene, die sie noch kennen, andere erinnern sich an ihre zerbrechliche Schönheit mit den schwarzen Locken und dem Liebreiz, mit dem sie einst „Schwabinchen“ in München war, wieder andere haben sie bereits vergessen, weil sie sich vor der Jahrtausendwende enttäuscht von der grünen Politik in die selbstverordnete Isolation ihres Grundstückes am Roßacker in Dießen zurückgezogen hatte. Solange ihre Mutter, Milly Kloss (gestorben 2003) noch mit dem orangefarbenen VW-Käfer durch Dießen kurvte, engagierte sich Sylvia gelegentlich projektbezogen, aber als ihr Mann Thomas Brennicke (1946-2007) starb, riegelte sie sich mehr vom Leben ab.

Beide waren „Funkkinder“, hat sie oft über die schönen Zeiten erzählt, als sie im Kinderfunk sprach, Bilderbücher illustrierte und als Grafikerin künstlerisch tätig war. Über Thomas Brennicke, der am Höhepunkt seiner Funkkarriere Chef der Leichten Musik im BR war, und dessen Stimme Generationen von Radiohörern kannten, weil er mit den „Schlagern der Woche“ das Gesicht der Hörfunkwellen Bayern 3 und Bayern 1 prägte, verband sie auch die Liebe der Natur. Für diese Liebe lebte sie die vergangenen 13 Jahre, ihre Vogelwelt war ihr genauso heilig, wie die Frösche und Igel im Grundstück, die Eichhörnchen und Kleinstlebewesen. Sie ließ ihr Grundstück zuwachsen, um der Natur die Ruhe zu geben, die sie im urbanen Bereich nicht hat. Ihre Schnittstelle zur Außenwelt war der Rundfunk, wo sie täglich Magazinsendungen hörte und beim Hörertelefon auch gelegentlich mitdiskutierte. Einmal die Woche radelte sie zum nahe liegendsten Supermarkt oder wurde von einer Freundin zum Großeinkauf gefahren. In ihrem „stummen und langsamen Abschied“ hat sie Teddies und Puppen restauriert, die sie bei Auktionshäusern per Telefon ersteigerte und um sich gruppierte. Und in dieser Zeit ist ihr Herz mehr und mehr gebrochen, die Leistung des lebenswichtigen Organs ist weniger geworden und letztlich ist sie einem akuten Herzversagen zwischen den Jahren erlegen. Der genaue Todeszeitpunkt ist nicht eindeutig festzustellen, sagen jene, die sie gefunden haben. Lassen wir ihre zahllosen impulsiven, mutigen und explosiven politischen Einsätze außen vor und nennen als Beispiel nur die Haller-Wiesen, wo sie vor gut dreißig Jahren eine Marina verhindern konnte, auch der Erhalt der Naturnähe der Birkenallee ist ihrem langen Kampf geschuldet und vieles andere mehr. Aber lassen wir sie sprechen über ihre Kindheit im Nachkriegsdießen, wo sie an der Hand ihres Vaters, des Musikers Erich Kloss (1898-1967), ihre ersten Schritte ins Leben wagte: „… er zeigte mir, seinem ‚Sonnenscheinchen’ mit dem vom Hunger rachitischen Körperchen, die Schönheit der zarten Blumengesichter in den sommerlichen Wiesen und lehrte mich, die kleinen Geschöpfe zu schonen, die sich da an der Sonne freuten. Er weckte meine Sinne für die Schutzbedürftigkeit der geschundenen Kreatur. Als er ein Spatzenkind in seinen Händen birgt, dass ein paar Buben zum Gaudium zwischen sich hin und her fast zu Tode hetzen, entstand ein unauslöslicher Eindruck in mir. Selbst der Wurm auf der Straße ist der Rettung wert …“. Nachzulesen in ihrem Buch „Von einem der auszog Musik zu machen und das Fürchten lernte“. Es ist die Lebensgeschichte ihres Vaters und auch ihre, die im zerbombten München und im Dießen der Besatzer festhält, was heute nicht mehr viele wissen.

Syliva Brennicke ist am 20. Juli 1944 im westlichen Terrassenzimmer des Wrede-Schlösschens in Pähl geboren. In dem heutigen Unteren Schloss Pähl hat Fürstin Wrede damals eine Entbindungsklinik betrieben, an die noch heute die Zimmernummern auf Emaille-Schildern über den Türen erinnern.

von beate bentele

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