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Kultur

„Cleo“ – Ein echter Schatz

Das Langfilmdebüt des Regisseurs Erik Schmitt in der Dießener Kinowelt

„Cleo“ ist das Langfilmdebüt des Regisseurs Erik Schmitt, der zuvor lediglich kurze Schnipsel gedreht hat. Der gebürtige Mainzer hat sich mit Kurzfilmen wie „Nashorn im Galopp“, „Telekommando“ oder „Berlin Metanoia“ in den vergangenen Jahren längst einen Namen gemacht und auf Festivals in aller Welt Hunderte Preise gewonnen. Jetzt also das Opus Magnum mit „Cleo“.

Es ist nicht einfach, die rasante Handlung dieses Erstlings zu erzählen. Auch deshalb nicht, weil unglaublich viele unglaublich paradoxe Erzählstränge miteinander verwoben werden. Nicht immer nachvollziehbar, das darf nicht unerwähnt bleiben. Aber durch das unerschütterliche Fantasievolle wird dieser Mangel problemlos wettgemacht.

Also, worum geht es bei dieser „Cleo“? Die Titelfigur ist unglücklich, einsam und hat sich ein Herz aus Stein gemauert. Ihre Mutter starb bei der Entbindung am (sic!) 9. November 1989, sie wuchs allein mit ihrem Vater auf - und dessen imaginären Berliner Freunden Albert Einstein, Max Planck oder Marlene Dietrich. Der geliebte Papa stirbt bei einem Autounfall, Cleo gibt sich die Schuld dafür, ihr Emotionsleben verkümmert, sie verbringt ihr Dasein als Stadtführerin. Auftritt Paul (Jeremy Mockridge): Der fantasievolle, optimistische junge Abenteurer plumpst ins Leben der introvertierten Cleo, im Gepäck eine Karte, die zum Schatz der legendären Brüder Sass, den wohl berühmtesten Berliner Ganoven der 1920er, führen soll. Unter der Beute soll sich eine Uhr befinden, mit der unsere verkappte Heldin die Zeit zurückdrehen kann. Aus diesem Grund lässt Cleo sich auf die Schatzsuche ein - mit der vagen Chance, in der Vergangenheit auf ihren Erzeuger zu treffen und das Dilemma ihres Daseins im Gespräch zu lösen bzw. den Tod der Eltern verhindern zu können. Klingt verrückt? Ist es auch! Trotzdem kann der Zuschauer jede Menge Spaß am teils kruden Geschehen haben. Und für die Berlin-Affinen unter uns ist dieser Streifen eh Pflicht, wurde er an über 70 Stellen ausschließlich in der deutschen Landeshauptstadt gedreht. Nicht umsonst sollte der Film ursprünglich „Story Of Berlin“ heißen. Montagabend wurde diese mehr als ungewöhnliche Arbeit in der Dießener „Kinowelt“ vorgestellt, unter Anwesenheit etwa von Regisseur Schmitt sowie den beiden Hauptdarstellern plus vier weiteren am Projekt Beteiligten. Im Anschluss hatten die Besucher im gut besuchten Vorführsaal Gelegenheit, den Gästen - übrigens allesamt in Berlin Wohnende, aber nicht in Berlin Geborene - Fragen zu stellen.

„Vier Jahre haben wir an dieser Chose gearbeitet“, erklärte Schmitt den Anwesenden. „Es ist ja ein Debüt. Damit will man ein möglichst vielschichtiges Publikum ansprechen, damit man möglichst viele Menschen erreicht. Außerdem ging es uns um unbedingte Merkwürdigkeit, damit die Leute staunen und sich wundern können.“ Schmitt gesteht unumwunden, dass man „als Filmemacher letztlich keine andere Geschichte als immer wieder die eigene erzählen kann. Und dazu habe ich noch Historie eingebaut. Allesamt akribisch recherchiert. Dieser Mix ist mein Hauptanliegen.“ Marleen Lohse ist sich bewusst, dass „diese Produktion kein Genre bedient“, sagt sie. „Das ist Komödie, Tragödie, Romanze und Zeit-Doku in einem. Vor allem aber gibt die Sache Rätsel auf. Ich halte das für einen ziemlich spannenden Ansatz.“ Und Jeremy Mockridge ergänzt: „Man weiß während der gesamten Spieldauer nie recht, in welcher Zeitschleife man sich gerade aufhält. Das finde ich herrlich!“ Tatsächlich fühlt man sich an so unterschiedliche originelle Vorläufer wie „Lola rennt“, „Goodbye Lenin“ oder „Illuminati“ erinnert. Dazu paart sich jede Menge anarchischer Charme. Man muss das nicht mögen. Kann man aber. Und spätestens wenn Marleen Lohse am Ende der Veranstaltung das Lied „Wonderful Life“ der 80er Jahre-New Wave-Ikone Black anstimmt, gesanglich unterstützt von den anderen sechs Film-Mitstreitern, ist man bei „Cleo“ in all seiner Skurrilität emotional angekommen.

von: MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK

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