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Kultur

75 Jahre Leningrader Blockade

Der Ammersee Kurier im Gespräch mit dem Dirigenten Maestro Vladimir Fedoseyev

Professor Wendland: Ihre ersten Konzerte haben Sie als Jugendlicher während der Blockade in Leningrader Krankenhäusern gegeben. Welche besonderen Erinnerungen haben Sie an diesen Beginn?

Vladimir Fedoseyev: Ja, mein Jugendalter fiel mit einer furchtbaren Weltkatastrophe zusammen. Während der Blockade war ich in Leningrad, lernte zuhause in meiner Wohnung, da alle Schulen unbeheizt waren. Ich hatte das Privileg, mich mit der Musik durch einen Rundfunkapparat vertraut zu machen.

Ich hörte Briefe von der Front, in denen verwundete Kämpfer darum baten, „Romeo und Julia“ von Tschaikowsky zu hören. Mein kindlicher Verstand sagte mir, wie furchtbar das ist, und ich wollte irgendwie helfen. Ich spielte Bajan und als man mich darum bat, aufzutreten, machte ich den zaghaften Vorschlag, in Krankenanstalten Konzerte abzuhalten.

Professor Wendland: Wie hat Sie diese Zeit persönlich wie musikalisch geprägt?

Vladimir Fedoseyev: Ich sah all diese Leute, die Verletzten, die beinahe Dahinscheidenden. Ich sah ihre Augen, als sie Musik vernahmen. Ganz egal, welche es war; Tschaikowski, Rachmaninov, russische Lieder. Das hat sich für mein ganzes Leben lang in meine Seele eingebrannt.

Später, als ich bereits die Schule besuchte, nahm ich Angebote, in Krankenhäusern für Verletzte zu spielen, immer an. Ich hielt es damals für unmöglich, dass sich die Situation jemals beruhigen wird. Aber ich verlor nie den Glauben an das Gute.

Professor Wendland: Was bedeutet Ihnen Glauben an sich?

Vladimir Fedoseyev: Ohne Glauben kann man nicht leben. Ich bin ein sehr gläubiger Mensch und habe immer die Zuversicht, dass Glaube, Kunst und Kultur alles überwinden und bezwingen. Nur deshalb blieb ich am Leben und verlor nie die Hoffnung. Dank Gott sind meine Hoffnungen nach und nach in Erfüllung gegangen. Auch jetzt sage ich mir manchmal: Möge Gott uns stets vor so einer Weltkatastrophe bewahren!

Jedes Konzert bildet auf seine Art eine Reminiszenz an diese Opfer, führt uns kurzzeitig zu ihnen zurück, aber mit dem Ziel, dass sich so etwas niemals wiederholt.

Professor Wendland: Sie sind in allen Musikgattungen zuhause, sind vertraut mit der internationalen Konzert- wie Opern-Szene – wo sehen Sie Ihre besondere musikalische Heimat?

Vladimir Fedoseyev: Ich denke, das ist der menschliche Gesang, jener pure Ausdruck der Seele, die Trauer, einfach alles. Wenn ein Kind geboren wird, schreit es zunächst, von jeglichem Verstand losgelöst. Stimme muss man haben. Dann findet sich die Stimme Wörter, aber das Wichtigste bleibt die Stimme, nicht die Wörter. Ich hatte das Glück, große Künstler zu treffen: Lemeschew, Koslowski und viele andere. Wenn ich einmal ein Orchester gründe, dachte ich, so muss es ein Orchester der menschlichen Stimmen sein.

Professor Wendland: Einen Schwerpunkt Ihrer vielfältigen internationalen Tätigkeit bildet die Zusammenarbeit mit großen Orchestern des deutschsprachigen Raumes. Knüpfen Sie daran besondere Erfahrungen und Erwartungen?

Vladimir Fedoseyev: Ich hatte die Möglichkeit, mit zahlreichen europäischen Opern- und symphonischen Orchestern in Zürich, Wien und vielen anderen Städten zusammenzutreffen.

Ich habe irgendwie die Kultur des Westens mit der russischen „verwoben“, woraus eine Weltkultur entstand. Ohne dies ist das Leben unvorstellbar, man muss immer wissen, was rundherum passiert. Die wunderschöne westliche Schule habe ich mit der (besonders für Streicher) ebenso schönen russischen Schule zusammengeführt. Ich suchte stets die Balance zwischen ihnen, lebte davon und reicherte mir hierdurch natürlich einen gigantischen Erfahrungsschatz an.

Professor Wendland: Die Liberation Concerts des Klassikfestivals Ammerseerenade bauen auf die „Kraft der Musik“, die Ihr Leben begleitet.

Vladimir Fedoseyev: Musik hat mehr Kraft als Wörter, sie speichert einfach alles: das historische Gedächtnis, unsere Emotionen, unsere Gefühle. Es ist eine universelle Sprache, die nicht nur jedem Bewohner dieses Planeten verständlich ist, sondern auch schneller als die Gedanken auf uns wirkt: die Musik dringt sofort in die menschliche Seele ein, und ihr Potenzial ist einfach unglaublich.

Professor Wendland: Das Konzert- und Opernleben Russlands ist nicht auf Metropolen konzentriert. Das ganze große Land lebt mit und von der Musik. Sehen Sie Parallelen zu regionalen Musikszenen in Deutschland, zum Profil und der Ausstrahlung regionaler Festivals am Beispiel der Ammerseerenade?

Vladimir Fedoseyev: Bei uns in Russland gibt es beinahe in jeder Stadt ein Festival, sei es ein Opernfestival oder ein anderes Genre. In der Provinz gibt es oftmals mehr kulturelle Aktivitäten als in der Hauptstadt. Wir haben Festivals in Kasan, Sibirien, nicht zu sprechen vom Projekt „Hohe Kunst in den kleinen Städten bei Moskau“, an dem die Mehrheit der Städte rund um Moskau beteiligt ist. Das zeigt wieder einmal, dass unserer Kultur im internationalen Vergleich immer ein hoher Stellenwert zugeschrieben wurde. Und ich bin sehr glücklich darüber, dass es in Europa so großartige Festivals wie die Ammerseerenade gibt.

Übersetzung: Dr. Nadia Preindl

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