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Ein Theaterprojekt mit Cosmic Power

Das „ELLEKollektiv“, auch bekannt als „KNALLKomitee“, spielt eine Woche lang zwischen Utting und Schondorf

Dort empfängt sie die Schauspielerin Elisabeth-Marie Leistikow, sie führt die Gruppe in den Summerpark. Es folgt eine spannende Reise „zwischen Erdkern und Sternenstaub“, so auch der Untertitel des Theaterprojekts: Eine Frau erzählt scheinbar im Vorbeigehen etwas über ökologischen Anbau, Kartoffelkäfer, Düngung, Erbsen und Schweinezucht im Summerpark. Sie entpuppt sich bald als Schauspielerin. Die Gruppe stapft durch benachbarte Wiesen, wo man sich mit Schaufel und Spitzhacke symbolisch in Richtung Erdkern gräbt. Da springt ein Badegast auf („Hey, sucht ihr auch nach dem Krater?“) und streitet mit der Führerin über Supernovae, Fantasy-Wesen, Weltraumschrott, Galaxien und die Schöpfung.

Da taucht ein lebensgroßes Kamel auf Rädern auf, dessen Begleiter Caspar, Melchior und Balthasar offenbaren, dass sie einem Stern folgen. Man ist verblüfft, überrascht und manchmal auch verunsichert. Was ist Realität, was Performance? Da geht es in den Ammersee hinein und jetzt weiß man auch, warum die Gummistiefel verteilt wurden.

Die Führerin reicht Musikinstrumente, mit denen man einer im See stehenden weiß gekleideten Frau ein Ständchen spielen darf – sie ist die Hüterin des Lebenswassers und der Lebensmilch und will den Menschen helfen, die nächste Entwicklungsstufe zu erreichen: „Alte Konzepte, Ideen, Werte werden bald nicht mehr zu euch gehören!“ Im Hintergrund taucht aus dem See eine bis zur Unkenntlichkeit verkleidete Gestalt auf – ist es die blondierte Stierin? Die Gestalt wird in einem Leiterwagen von den Zuschauern bis zum Güterschuppen gezogen und geschoben. Dort angekommen trifft man auf einen Stierkämpfer, der die verkleidete Gestalt entblättert – es erscheint ein Jüngling in Glitzerbadehose, der einen Stier symbolisieren könnte. Der Stierkämpfer bekämpft ihn nicht, sondern betet ihn an und bringt ihn über die Bahngleise in Sicherheit.

Die Theaterbesucher nehmen nun im abgedunkelten Güterschuppen Platz – nun endlich weiß man, was es mit der blondierten Stierin auf sich hat. Sie spricht aus dem Off zu den Zuschauern. Und erinnert den Menschen an seine Verantwortung für alles, was er auf der Welt tut.

Auch für die Milliarden geschundener Tiere, die auf dem Planeten Jupiter Zuflucht suchen, aber dort jetzt keinen Platz mehr haben. Weil es zu viele sind und weil ihnen nicht mehr geholfen werden kann: Früher konnten sie dort ihren Frieden finden, aber jetzt kommen dort Hühner an, die nicht mehr fliegen können, Schweine ohne Schwänze und Kühe mit übergroßem Euter und Spreizbeinen.

„Krass traumatisiert. Sie haben Angst vor Berührungen, stottern, sind hypersensibel und aggressiv“, so die blondierte Stierin. Was passiert zwischen Himmel und Erde, zwischen Erdkern und Sternenstaub? Was alles kann sich der Mensch noch erlauben, wie sehr darf er sich mit seinen übergroßen Händen über die Tiere erheben, sie quälen und schinden, die Erde zerstören? „Was habt ihr mit eurer Atmosphäre gemacht, die ist ja megadreckig geworden?“, fragt die Stierin. „Die Erde ist doch nicht erschaffen, damit die Menschen hier eine Alleinherrschaft installieren und alles zerstören!“ Am Ende senkt sich eine Art Euter auf die Zuschauer herab, von dem die 15 Zuschauer trinken sollen, um „Cosmic Power“ zu erhalten („Saugt, saugt!“). Die Stierin bittet die Menschen um Hilfe und erinnert sie an ihre Verantwortung – auf diese Weise dockt die Performance am inneren Kompass des Menschen an.

„Die blondierte Stierin“ ist ein Theaterprojekt vom „ELLEKollektiv aka KNALLKomitee“. Der Titel des Ensembles ist aus den Namen der Macher entstanden – der Schauspielerin Elisabeth-Marie Leistikow aus Frankfurt und ihrem Uttinger Kollegen Luis Lüps. Beide haben das Stück auch geschrieben, angelehnt an Textauszüge von Wolfram Lotz („Einige Nachrichten aus dem All“). Leistikow und Lüps sind an der renommierten „Universität der Künste“ Berlin ausgebildet worden.

Für Bühne und Kostüme steht Louis Panizza, in weiteren Rollen spielten Janos Fischer, Winnie Rhode, Claudia Stender, Lena Albrecht, Gabriele Uitz, Philipp Brettschneider, Chris Filser, Zora Thiessen, Valentin Frick und Erwin Kloker. Erzähler sind Felix von Bredow und Levi von Bredow. Zwei Musiker – Noel Riedel und Luis Behnke – sind immer mit unterwegs.

Nach dem Stück bietet die Schauspieltruppe Getränke an und man kann sich mit ihnen austauschen – beides sehr erfrischend.

Die eigenen Schuhe, die man zu Beginn am Bahnhof zurückgelassen hat, stehen jetzt vor der Tür des Uttinger Güterschuppens – verziert mit einer kleinen Kuhglocke.

Von Sibylle Reiter

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