Riesenspaß für kleine Leute Der Puppenspieler Frieder Simon zu Gast in Dießen – Seit frühester Kindheit hatte er mit dem Kasper zu tun.

pm  17. Januar 2018


Jedes Stück hat eigene Figuren, einen eigenen Kasper und einen eigenen Koffer. Fotos (4): Hartmut E. Lange

Dießen – Eine Glocke läutet, sofort verstummt das aufgeregte Gemurmel im Saal. Kurz darauf bimmelt ein Glöckchen, ganz leise nur, und es wird mucksmäuschenstill. Dann schiebt er seine spitze Nase zwischen den roten Samtvorhängen durch: der Kasper. Seid ihr alle da? Natürlich! Großes Hallo, lauthals begrüßen die Kinder ihren Freund. Und los geht’s: Rumpelstilzchen, Der Froschkönig, Der gestiefelte Kater oder Das tapfere Schneiderlein.

Wenn man das Larifari-Theater erlebt möchte man nicht glauben, dass all das, was da oben auf der kleinen Bühne passiert, von einer einzigen Person gemacht wird. Und wenn man den Herr und Meister dieser zauberhaften Ein-Mann-Show erlebt, einen grauhaari-gen Mann mit wachen Augen, ihn schmunzeln sieht und reden hört, dann hat man nicht den Eindruck einem 81-Jährigen gegenüber zu stehen.

Frieder Simon wurde 1936 in Leipzig geboren, bereits seit frühester Kindheit hatte er mit dem Kasper zu tun. Denn sein Vater, hauptberuflich Fernmeldetechniker bei der Post, war im Nebenberuf ein gefragter Puppenspieler. Von ihm lernte Frieder das Handwerk, aber auch die hohe Kunst der Improvisation. Nach einigen Praxisjahren als Tisch-ler verschlug es Simon nach Halle, er studierte Industrielle Formgestaltung an der renommierten Kunsthochschule Burg Giebichenstein. Diese Ausbildung blieb nicht folgenlos für das Puppenspiel, eines Tages überraschte er seinen Vater, mit dem er oft zusammen spielte, mit völlig neuen Figuren. Der junge Designer hatte einen Gegenentwurf zu den bisher verwendeten Hohnsteiner Kasperpuppen vorgelegt. In seiner Gestaltung ging er weg von den naturalistischen Gesichtern, Reduktion war angesagt, klare Linien und Formen, echte Charakterköpfe entstanden. Die wunderschönen Kostüme, oft sind es prächtige Gewänder, entstammen der Werkstatt einer diplomierten Textilgestalterin, seiner Frau Barbara, auch sie hat in Halle an der Burg studiert.

Simon ist ein Wieder-Verwender. Für die Gestaltung seiner Figuren verwendet der diplomierte Designer oft Materialien, die bereits ein Leben vor der Theater-Karriere hatten, wie hier beim „Sattel-Hirsch“ aus dem Stück Genoveva.

1973 hängte Simon den Designer-Beruf an den Nagel und widmete sich ausschließlich dem Puppentheater, ab da ging’s steil bergauf. Sein frecher Kasper und das unverwechselbare Larifari-Ensemble spielten sich in die Herzen der kleinen und großen Zuschauer. 1979 erhielt er eine Goldmedaille für Unterhaltungskunst des Kulturministeriums der DDR. Simon erlangte Kultstatus, mit seinen Erwachsenenstücken avancierte er zum Geheimtipp in der Kulturszene der DDR. Kein Wunder, denn sein Kasper folgte der Jahrhunderte alten Tradition der Figur: er war das Sprachrohr der kleinen Leute, schimpfte auf Die-da-oben und prangerte Missstände an. Davon gab’s genügend im Arbeiter- und Bauernstaat, aber mit öffentlicher Kritik war das so eine Sache, sie musste verpackt, getarnt, zwei- oder mehrdeutig präsentiert werden. Simon ist ein Meister des Wortspiels, ein Sprachakrobat, er weiß, wie man Botschaften zwischen den Zeilen transportiert. Wenn sich sein Kasper auf der Bühne zur Ruhe bettete, mit der Zeitung des Lan-des, dem gedruckten Sprachrohr der SED, dem Neuen Deutschland, zudeckte, dann wur-de es ganz still im Saal. Und wenn er dann, weil er nicht einschlafen konnte, einen Leitartikel voller Worthülsen vorlas, oder alle Titel und Auszeichnungen des SED-Chefs Honecker im Duktus von Schäfchenzählen runterleierte, ertönte befreiendes Gelächter im Publikum. Subtiler konnte man den alltäglichen Personenkult um den Großen Vorsitzenden aus dem Saarland nicht auf die Schippe nehmen.

Damit erntete er aber nicht nur Beifall. Dass er sich im Visier der Stasi befand hatte Simon geahnt, dass sie ihm aber derart große Aufmerksamkeit geschenkt hatten, erstaunte ihn doch. 400 Seiten umfasst die Stasiakte mit der Überschrift „OPK Puppe” (OPK – Operative Personenkontrolle), in jeder Erwachsenenvorstellung saß einer von der Fir-ma, wie die Stasi vom Volksmund spöttisch genannt wurde, und hat mitgeschrieben – der Kasper war immer verdächtig. Simon hat sich nicht nur um die eigene Bühne verdient gemacht, auch um das Ansehen der oft zu Unrecht unterschätzten Kunst des Puppenspiels an sich: über viele Jahre organisierte er das Puppentheaterfestival im Goethe-Theater Bad Lauchstädt, nach der Wen-de in Merseburg.

Wenn man sich heute in der Puppentheater-Szene umhört und fragt, wer der beste Handpuppenspieler im deutschsprachigen Raum ist, erhält man – egal ob in Wien, Bern oder Berlin – immer dieselbe Antwort: Frieder Simon aus Halle an der Saale.

Man mag es kaum glauben: In dieser seltsamen Fuhre steckt ein ganzes Theater – in einem Koffer die Bühne, in dem anderen die Schauspieler, Handpuppen aus dem Hause Simon.

Und was hat das alles mit Bayern im Allgemeinen, und mit Dießen speziell zu tun? Als Simon sein Theater in den 1960er Jahren gründete nannte er es „Larifari”, als Verneigung vor seinem großen Vorbild Franz Graf von Pocci (1807-1876). Pocci lebte in München und am Starnberger See, er war nicht nur ein vielseitiger Künstler, auch ein großer Verehrer des Puppentheaters. Er schrieb zahlreiche Stücke für die Puppenbühne, weshalb ihn seine Zeitgenossen liebevoll den Puppen-Graf nannten. Und, sein Kasper hieß Larifari.

Das Larifari-Theater gastierte schon oft in Dießen, Ende der 1990er Jahre im Musiksaal und in der Turnhalle der Carl-Orff-Schule, Anfang des neuen Jahrtausends für die Kinder von St. Gabriel im Traidtkasten, und für alle anderen im Evangelischen Gemeindehaus. 2015 präsentierte Simon seinen Faust vor Elftklässlern an den Gymnasien in Weilheim und St. Ottilien. Und neulich, am 17. November, spielte er im SOS-Kinderdorf. Die 60 kleinen Zuschauer waren begeistert, sie hatten im wahrsten Sinne des Wortes einen Riesen-Spaß, denn Das tapfere Schneiderlein hat es mit einigen Bösewichtern zu tun, neben Wildschwein und Einhorn auch mit zwei grimmigen Riesen. Und der Kasper, mit einer gro-ßen 7 auf seinem Gürtel – 7 auf einen Streich – hat sie alle mit frechen Sprüchen, List und Tücke, und ein paar kräftigen Hieben mit der Kasperklatsche – besiegt.