Groß soll er sein und was mit Brauchtum am Hut haben Ledige Madln lassen sich beim traditionellen Betteltanz in Raisting mit unverheirateten Burschen für einen Tag verkuppeln. Von Petra Straub

Petra Straub  27. November 2017

Der neu gegründete Trommlerzug Raisting-Sölb durfte in diesem Jahr erstmals mit den Madln mitmarschieren. Vorne juchzen die Ruatnbuam Florian Heinrizi (l., mit Rute) und Stephan Drexl unter Beifall der zahlreichen Passanten. Sie dürfen auch aus dem Weinkrug trinken.

Vorne die Oberhauser Musikanten, dahinter die rund einhundert Madln, die in diesem Jahr am Raistinger Betteltanz teilnahmen.

Raisting – „Auf der Vogelwiese ging der Franz, weil er gern einen hebt, und bei Blasmusik und Tanz, hat er soviel erlebt”. Die Stimmung steigt, als die Oberhauser Musikanten am Kirchweihmontag im Gasthof Drexl die bekannte Polka anstimmen und die hübschen, jungen Madln in Dirndln auf die Stühle steigen und lauthals mitsingen. Draußen säumen die Raistinger an dem herrlichen Herbsttag schon die Straßen. Sie wollen ihren Kindern und Enkeln zuwinken, die, wie einst sie selbst, am traditionellen Betteltanz des Raistinger Burschenvereins teilnehmen und sich für einen Tag mit einem fremden Burschen verkuppeln lassen.

Fast einhundert Paare haben die Ruatnbuam in diesem Jahr zusammengebettelt. Das war keine leichte Aufgabe. Denn nicht jeder bekommt von seinem Arbeitgeber an dem Nachmittag frei. Zudem gibt es immer mehr Studenten, die zu Studienbeginn nicht fehlen dürfen. Das ging am Montag auch

Die Spannung steigt bei den Betteltänzerinnen im Gasthof Drexl. Gleich geht‘s los Richtung Gasthof Zur Post.

Ruatnmadl Katrin Greinwald (22) so. Die Lehramtsstudentin musste am Vormittag noch eine Klausur im Griechischen
schreiben. Doch sie hat es rechtzeitig nach Hause geschafft! Mit ihr marschierte die 18-jährige Verwaltungswirtin-Auszubildende Carola Huttner in erster Reihe durchs Dorf zum Gasthof Zur Post, wo die Mädchen mit den dort wartenden Burschen verkuppelt werden. Vom Tag der Ruatnbuamwahl im September bis zum Betteltanz am Kirchweihmontag ist es alljährlich gut gehütetes Geheimnis, welche Raistinger Madln an der Seite der Ruatnbuam zur Traditionsveranstaltung gehen.

 

Für die Ruatnbuam Stephan Drexl (24) und Florian Heinrizi (28) begann der Kirchweihmontag in aller Herrgottsfrühe. Um 7.45 Uhr stand er schon in der Gärtnerei, um die Blumen für die Ruatnmadln zu holen, erklärt Stephan. So ist es der Brauch. Der obligatorische Fototermin der Ruatnpaare wurde wegen Katrins Prüfung schon vorab absolviert. Um kurz vor 9 Uhr klingelte er Florian aus den Federn. Später bei der Begrüßung der Madln gesteht dieser, seine Stimme am Vorabend verloren zu haben. Florians Fußballmannschaft hatte am Sonntag einen Sieg

Ruatnbua Stephan Drexl (l.) hat sich Carola Huttner (daneben) und Florian Heinrizi (r.) Katrin Greinwald als Ruatnmadl ausgesucht. Beide waren überrascht, als sie gefragt wurden, ob sie das ehrenvolle Amt übernehmen. Doch eine Zusage ist für ein Raistinger Madl Ehrensache!

Umgebung”, ist sie überzeugt. Ihr Wunsch ist es, dass ihr Betteltänzer größer ist als sie, gesprächig und dass er „etwas mit Brauchtum am Hut hat”. Und sie wird nicht enttäuscht: Im Post-Saal wird sie zum 22-jährigen Lukas Sturm aus Apfeldorf geführt. Lukas lächelt sie an und macht sich mit ihr bekannt. Beide sind mit der Wahl der Ruatnbuam „sehr zufrieden”. Wie die anderen Madln spendiert sie ihrem Begleiter am Nachmittag den Wein und anschließend das Abendessenn. Die Burschen zahlen im Gegenzug den Eintritt der Mädchen.

Erstmals beim Betteltanz war die 16-jährige Auszubildende Katharina Michl aus Raisting. Sie ist Klarinettistin beim örtlichen Musikverein. Im Vorjahr hat die angehende Bankkauffrau schon einmal am Abend in die Traditionsveranstaltung hineingeschnuppert, erzählt sie. Abends ist der Kirchweihtanz immer für alle zugänglich. Ihre Anspannung hielt sich am Montagmittag in Grenzen. Es kommen „griabige Leut‘ aus der

Damenwahl: Nach dem Ehrentanz der Ruatnpaare ist die Tanzfläche obligatorisch voll. Jetzt stellt sich heraus, wer ein guter Tänzer ist.

Ein bekanntes Gesicht beim Raistinger Betteltanz ist Marlis Leis. Die 27-jährige Landwirtin aus Ludwigsried bei Eberfing ist schon zum 11. Mal dabei. Warum? Man trifft Leute, die man lange nicht gesehen hat, es ist Damenwahl, die Stimmung ist super, und man muss es einfach mal mitgemacht haben, um zu wissen, wie sich das anfühlt, zählt sie auf. Da sie jetzt    einen Freund hat, wollte sie diesmal eigentlich mit ihm kommen. Doch er besucht die Meisterschule und konnte sich leider nicht freinehmen. So trifft sie diesmal auf den 30-jährigen Kaufmann Georg Rill aus Pähl. „Ich schätze, das wird ein netter Nachmittag”, ist ihr Eindruck. Unklar ist, ob Betteltänzerinnen mit ernsten Absichten am Montag enttäuscht wurden. Auf alle Fälle hatten diese die Ruatnbuam in petto, die anfangs verkündeten: „Wir sind auch noch zu haben!”