Europa wird zum Tatort Robert Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis 2017 mit „Die Hauptstadt“. Von Dr. Sabine Vetter

Dr. Sabine Vetter  19. November 2017

Robert Menasse schrieb einen Krimi, Schauplatz Brüssel. Vier Jahre hatte der Österreicher dort gelebt und recherchiert. Foto: Archiv

Dießen/Wien – Vier Jahre hat der österreichische Schriftsteller Robert Menasse in Brüssel gelebt und recherchiert. Er wollte verstehen, wie es so läuft in und mit Europa. Das Ergebnis: Ein Krimi – und dafür nun der Deutsche Buchpreis 2017. Da in einem spannenden, politischen Roman auch dementsprechend etwas passieren muss, erdachte er einen Anschlag in Brüssel. Der fand dann zu seinem Erstaunen und Erschrecken 2016 tatsächlich statt.

Der Deutsche Buchpreis

Jedes Jahr, seit 2005, zeichnet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels den „besten deutschsprachigen Roman” aus. Österreichische. Schweizer und deutsche Verlage können Vorschläge einreichen – dieses Jahr waren es über 200 Neuerscheinungen, über die es zu entscheiden galt. Eine wechselnde Jury aus Schriftstellern, Journalisten und Buchhändlern wählt daraus zwanzig Titel, die sogenannte Longlist, im nächsten Schritt die Shortlist, bestehend aus sechs Titeln. Zu Beginn der Buchmesse gibt der Börsenverein den Gewinner bekannt. Der Deutsche Buchpreis wird seit 2005 verliehen, unter den Preisgekrönten findet man beispielsweise Uwe Tellkamp mit „Der Turm” (2008) und vergangenes Jahr Bodo Kirchhoffs Roman „Widerfahrnis”. 25.000 Euro erhält der Autor.

Die Jury begründet ihre Entscheidung für Menasse mit den Worten: „Das Humane ist immer erstrebenswert, niemals zuverlässig gegeben: Dass dies auch auf die Europäische Union zutrifft, das zeigt Robert Menasse mit seinem Roman ‚Die Hauptstadt‘ auf eindringliche Weise,” und er mache „unmissverständlich klar: Die Ökonomie allein, sie wird uns keine friedliche Zukunft sichern können.”

Dass zu Beginn des Romans ein Schwein durch Brüssels Straßen läuft, dem viele begegnen oder nachschauen, kann man in verschiedener Weise interpretieren. „Das Schwein ist eine Universalmetapher: Vom Glücksschwein bis zur Drecksau”, kommentiert der Autor in einem Interview. Die Episode mit dem Schweinsgalopp, den Stationen, die das Tier durchwetzt, den Menschen, die mit ihm zu tun bekommen, zeigt schon, dass in der Hauptstadt Europas einiges aufeinander trifft, womit die Spannung schon geschürt ist.

Reagenzglas Brüssel

Wie in einem Labor reagieren hier unterschiedliche Elemente miteinander, seien sie menschlicher, sprachlicher, historischer oder nationaler Natur. Kommissar Brunfaut bekommt es mit einem Mord zu tun, bei dem er nicht so richtig ermitteln darf. Geht es um Verschwörungstheorien oder was passiert da tatsächlich in Brüssel? Der Leser trifft viele Charaktere und erfährt aus ihren individuellen Geschichten einiges über ihre Herkunft, ihre Familien. Polen, Griechen, Deutsche und natürlich auch Österreicher suchen als Touristen, Abgeordnete oder Bürokraten das Besondere und ihren Platz in Brüssel. Menasse nimmt sie unter die Lupe. Auch Brüsseler Absurditäten kommen nicht zu kurz. So erfährt der Leser etliches über die Institutionen der Europäischen Union und ihre Bürokratie. Man ist darum bemüht, Fassade und Image der Einrichtung aufzupolieren. Das kann mal verstören, ist aber auch mal witzig und makaber zugleich – beispielsweise wenn es um Angorawäsche geht. Es gibt EU-Richtlinien, die das Brennverhalten von Unterwäsche regeln, muss man wissen. Warme Unterwäsche braucht Menasses Protagonist Susman für eine Exkursion nach Auschwitz. Die 459 Seiten sind nicht zu viel Europa und überhaupt nicht langweilig. Dr. Sabine Vetter

Robert Menasse liest aus seinem neuen Roman „Die Hauptstadt”, Mittwoch, 22. November, 19.00 Uhr, Gasteig München, Rosenheimer Str. 5, Carl-Orff-Saal, Moderation: Knut Cordsen.
Robert Menasse „Die Hauptstadt”, Suhrkamp Verlag 2017, 459 Seiten, ISBN: 978-3-518-42758-3, 24 Euro