Wider Tabuisierung und Relativierung Der Aktionskünstler Wolfram P. Kastner stellte im Blauen Haus in Dießen seine Arbeit vor

ak  9. Juni 2017

Der Aktionskünstler Wolfram P. Kastner stellte auf Einladung der Mittwochsdisco im Blauen Haus in Dießen seine Arbeit vor. Foto: Ruile

Dießen – „Kunst macht sichtbar, was man sonst nicht sieht”, zitiert Carl Blauhorn in seinem Vorwort zu der 2010 erschienen Broschüre „Stein des Anstoßes…” den Maler Paul Klee. Beschrieben wird in dem Heft eine Aufsehen erregende Aktion Wolfram P. Kastners und Claus-Peter Lieckfelds, in der sie im Oktober 2006 einem Nazi-Kultstein auf dem Lech-Hochufer in Landsberg einen „Denkanstoß” gaben.

Nachdem alle ihre Vorschläge, das Ehrenmal für den 1923 wegen rechtsextremer Terroranschläge hingerichteten Albert Leo Schlageter in ein Mahnmal gegen faschistische Gewalt umzuwandeln, ins Leere gelaufen waren, lösten sie den Stein aus seiner Verankerung, kippten ihn um und ergänzten ihn mit einer Schrifttafel und kurzen Erläuterungen sowohl zu Schlageter als einer Kultfigur der Nazis als auch zu den Umständen, die sie zu ihrer Aktion veranlasst hatten.

Zwar erscheint die Nähe ausgerechnet zu Paul Klee, dem Erschaffer ganz eigener, poetischer Bild- und Traumwelten, konstruiert und das eingangs erwähnte Zitat als Impuls gebend für provokative Aktionen à la Kastner zumindest gegen den Strich gelesen; auch ließe sich anhand der von ihm im Blauen Haus in Dießen vorgestellten, vielen anderen Aktionen hitzig über die Frage „was ist Kunst” diskutieren.

Nur würde man der Arbeit Kastners damit nicht gerecht und hieße das, sein Anliegen, gegen die Tabuisierung, Relativierung und Rechtfertigung des Nationalsozialismus vorzugehen, zu ignorieren. Doch das kennt der Aktionskünstler. Aufmerksam folgte das Publikum seinen Schilderungen etwa eines Gerichtsverfahrens in Rosenheim: Mehrfach hatte er auf der Fraueninsel im Chiemsee „Hand angelegt” an einen Gedenkstein für den 1946 in Nürnberg hingerichteten Kriegsverbrecher Alfred Jodl.

In dem hart entlang der Anklagepunkte Diebstahl, Nötigung und Sachbeschädigung verhandelten Gerichtstermin verurteilte die „an Inhaltlichem wenig interessierte” Richterin Kastner schließlich zu einer hohen Geldstrafe. Das Revisionsverfahren in München findet in wenigen Tagen statt.

Besuch vom „falschen Publikum” habe er während seiner öffentlichen Auftritte bislang noch nicht bekommen, beruhigte Kastner eine besorgte Zuhörerin. Anonyme Beschimpfungen, Schmierereien auf seiner Hauswand und sogar sich selbst als Strohpuppe am Galgen baumelnd und dazu ein Plakat: „Aktionskünstler obacht gem!!!” – all das habe er allerdings schon erlebt.

Anfeindungen mit Humor begegnen

Um solche Anfeindungen einigermaßen unbeschadet zu überstehen, helfe nur Humor, Optimismus und gelegentlich auch Distanzierung: Besonders die Gerichtsverfahren, sagt Kastner, betrachte er mittlerweile als Theater mit verschiedenen Akteuren, die der Reihe nach ihren Auftritt haben. „Je mehr Öffentlichkeit, desto mehr Chance, dass Denkprozesse in Gang kommen.”

Den versteckten Vorwurf in der Frage, ob er sich immer nur mit der Vergangenheit beschäftige, konterte Kastner entschieden: „Nein, ich beschäftige mich nur mit der Gegenwart. Hitler interessiert mich gar nicht. Mich interessiert nur, was jetzt in den Köpfen ist.” Wichtig an der Geschichte sei, was wir daraus lernten und wie wir jetzt damit umgingen – etwa beim Thema Ausgrenzung. „Ich möchte”, beschrieb der Aktionskünstler seine Motivation, „eine bessere Zukunft als Vergangenheit.” Ein emphatischer Blick auf die Menschen –auch die Opfer des Nationalsozialismus, die ja nicht nur ermordet wurden, sondern vor allem auch gelebt hätten – sei dabei nicht nur hilfreich, sondern unerlässlich.

Minka Ruile