Bürger definieren Ziele über die Flächennutzung hinaus Sommerinterview Nr. 6 mit Josef Lutzenberger, Bürgermeister von Utting – Gestaltung des Schmucker-Areals ist großes Thema

Petra Straub  6. September 2016

Josef Lutzenberger hat in seiner zweiten Amtsperiode noch viel vor. Das erworbene Schmucker-Areal soll Bürgern mit mittleren und geringen Einkommen Baugrund bieten. Foto: Straub

Utting – Wie in den vergangenen Jahren sucht der Ammersee Kurier auch dieses Jahr das Gespräch mit den Kommunalpolitikern und befragt in seinen Sommerinterviews Bürgermeister vom Ammersee. Heute lesen Sie das Interview mit Bürgermeister Josef Lutzenberger aus Utting. Er ist seit 2008 im Amt. Das Gespräch führte Petra Straub.

Ammersee Kurier: Wir leben in Deutschland seit den jüngsten Anschlägen in sehr unruhigen Zeiten. Wie beurteilen Sie die Situation in Ihrer Gemeinde?

Josef Lutzenberger: Das Zusammenleben in unserer Gemeinde ist friedlich. Durch die enorme Leistung der Ehrenamtlichen läuft alles in normalen Bahnen und das Miteinander ist gedeihlich. Die rund einhundert Asylbewerber werden von mindestens sechzig Unterstützern betreut. Dass dreißig Flüchtlinge kurzerhand auf andere Unterkünfte verteilt werden sollen, kam auch für mich überraschend. Eine Petition soll nun sicherstellen, dass nicht überstürzt gehandelt und Rücksicht auf die individuelle Situation der Flüchtlinge genommen wird (siehe auch Bericht Seite 5).

Sind die Bürger an Entscheidungen der Gemeinde über den Gemeinderat hinaus beteiligt? Welche Projekte gibt es da?

Normalerweise erarbeitet ein Planungsbüro den Flächennutzungsplan. In Utting entwickelten 2009 zirka 150 Bürger vorab Ziele weit über die Flächennutzung hinaus. Die Zusammenarbeit gab auch die Initialzündung für ein Ortsentwicklungskonzept, im Rahmen dessen der Gemeinderat ein Leitbild erstellt hat.

Durch das alljährliche Verkehrschaos in den Sommermonaten am See in der Mühlstraße, Im Gries und in der Seestraße wurden die Bürger ebenfalls aktiv; wir trafen uns zu vier gemeindlichen Workshops, um gemeinsam nach Lösungen für die unbefriedigende Verkehrssituation zu suchen. Das Bürgerengagement hat sich ausgezahlt. Die Anlieger bestätigen mir, dass durch das neue Stellplatzkonzept mit ausgewiesenen Parkflächen und mehr Kontrollen viele Autofahrer ihre Pkw nicht mehr widerrechtlich abstellen.

Die Mieten steigen, Immobilien werden immer teurer. Für viele Einheimische ist Wohnraum kaum mehr erschwinglich. Was tun Sie, damit die Bürger im Ort bleiben können?

Die Gemeinde hat das Schmucker-Areal erworben, das im freien Verkauf veräußert wurde. Planerisches Handeln vorausgesetzt soll dort wie in der gemeindlichen Satzung geregelt auf mehr als einem Hektar Grund Bauland für mittlere und geringe Einkommen entstehen. Auch ein Mehrgenerationenprojekt ist geplant. Die Baumaßnahme soll neben den 54 Gemeindewohnungen dazu beitragen, dass das soziale Gefüge in Utting erhalten bleibt.

Es ist wichtig, die Bürger am Ort zu halten, auch um zum Beispiel die Leistungsträger der Feuerwehr an den Ort zu binden.

Ist Ihre Gemeinde seniorengerecht?

Wir sind auf einem guten Weg. Das Angebot des Vereins Füreinander ist anspruchsvoll. Die Ehrenamtlichen sind rührig und erfolgreich. Sie generieren Fördergelder beispielsweise von der Glücksspirale oder „Ein Platz an der Sonne” für Aktivitäten im Bürgertreff. Auch die Gemeinde leistet einen Beitrag, übernimmt die Miete und finanziert eine gerontopsychiatrische Halbtagskraft. Neueste Errungenschaft sind stapelbare Tische und Stühle im Bürgertreff. Am 17. September ist der Gemeinderat zu einer Probesitzung eingeladen.

Doch auch andere Gruppen und Bürger wie zum Beispiel die Kirchen und die Arbeiterwohlfahrt leisten wertvolle Seniorenarbeit. Im Ort gibt es auch einen Fahrdienst, der von der Gemeinde bezuschusst wird.

Mit Sachverständigen möchten wir in Kürze auch eine Ortsbegehung durchführen und prüfen, wo beispielsweise Bordsteinkanten abgesenkt werden müssen, um Senioren, behinderten Menschen und Familien mit Kinderwagen die Nutzung zu erleichtern.

Wie ist in Ihrer Gemeinde die Situation für Jugendliche?

Jugendarbeit ist die Pflichtaufgabe einer Gemeinde. Wir schaffen den Rahmen, damit die Eltern arbeiten und sich in unserer hochpreisigen Gegend das Leben finanzieren können. Wir haben eine etablierte Mittagsbetreuung und kurz nach meinem Amtsantritt 2008 einen Hort aus dem Boden gestampft, um dem Bedarf gerecht zu werden. Die zwei Kindergärten mit den Kinderkrippen am Ort sind ausgelastet und bieten teilweise sogar in den Ferien Betreuungsangebote. Damit haben wir unsere Verpflichtungen voll erfüllt. Im Ort gibt es ein Ferienprogramm und viele Angebote der Vereine. Das Jugendhaus wird nun jedoch abgebrochen. Die Entscheidung war umstritten. Wir verkaufen dort zwei Grundstücke, um unsere Pläne auf dem Schmucker-Areal verwirklichen zu können. Ob es eine neue Anlaufstelle für Jugendliche geben wird, wird überlegt. Zuletzt war das Jugendhaus nicht mehr stark frequentiert, sondern eher Ort für private Feste.

Zu den Sachbeschädigungen und der Ruhestörung im Summerpark kann ich sagen, dass Personenkontrollen durch die Polizei ergaben, dass sieben von zehn kontrollierten Personen nicht aus Utting waren. Der Sicherheitsdienst, der die Gemeinde 30.000 Euro im Jahr kosten sollte, wird künftig günstiger, weil wir mit Stegen zusammenarbeiten. Der Sicherheitsdienst führt in Utting auch am Sonnendachl, wo Jugendliche gerne feiern, Kontrollgänge durch.

Welche Ziele haben Sie für die Jahre 2016/2017 und den Rest Ihrer zweiten Amtsperiode?

Ich möchte hier nur beispielhaft vier große Projekte nennen. Zum einen die Fertigstellung des Hochwasserschutzes. Als Zweites die Ausgestaltung des Schmucker-Areals, gegebenenfalls mit Grundstückstausch oder -verkauf und/oder der Schaffung von Ausgleichsflächen für Bebauungs- und eigene Pläne. Drittes Projekt ist die Sanierung der Grundschule und das vierte das Gewerbegebiet, das vorangetrieben werden muss.

Gibt es Pläne zu Projekten für alternative Energien in Ihrer Gemeinde?

Es gibt ein Solarkraftwerk der Gemeinde auf dem Schulhausdach und eines auf dem TSV-Hallendach. Zudem wird in der Sporthalle die Heizung erneuert und energetisch optimiert. Die Grundschule wird ebenfalls energetisch saniert. Weitere Energie wird durch die laufende Sanierung und Wärmedämmung der Gemeindehäuser gespart.

Wie sehen Sie die wirtschaftliche Situation in Ihrer Gemeinde?

Wir verzeichnen steigende Gewerbesteuereinnahmen. Im vergangenen Jahr hat die Gemeinde einen erfreulich warmen Regen durch eine Steuernachzahlung einer Firma erhalten. Die können wir für unsere Vorhaben Schmucker-Areal und VR-Bank-Kauf gut gebrauchen. In dem ehemaligen Bankgebäude ist geplant, die Verwaltung unterzubringen. Ja, die wirtschaftliche Situation ist positiv. Wir schaffen ja Werte.

Was hat Sie bis jetzt in Ihrem Amt am meisten gefreut?

Wenn mich die super interessierten und schön neugierigen Viertklässler im Rahmen des Heimat- und Sachkundeunterrichts besuchen. Sie versprechen mir immer, keinen Müll wegzuwerfen und die Leute zu grüßen. Ich hoffe, das fällt auf fruchtbaren Boden. Schön war neulich auch der Geburtstagsbesuch bei einer blitzgescheiten und charmanten 90-jährigen Dame. Sie hat sich unheimlich über meine Umarmung gefreut und um eine zweite gebeten, weil es so schön für sie war, einen Mann im Arm zu halten. Besonders freuen mich natürlich auch die vielen guten Wünsche der Uttinger, die wissen, dass ich zurzeit gesundheitlich angeschlagen bin.

Herr Bürgermeister Lutzenberger, wir bedanken uns für das Gespräch!