Führungswechsel in „Streichers Tenne“ Ludwig Streicher übergibt die Geschäfte an Gabriella Weber – Mehr Struktur

Dagmar Kübler  18. Mai 2016

Gabriella Weber führt künftig die Geschäfte in der Tenne in Utting. Ludwig Streicher widmet sich wieder mehr der Seelsorge. Fotos (2): Kübler

Utting – „Streichers Tenne” in Utting hat seit dem 1. Mai eine neue Führung: Ludwig Streicher hat die Geschäfte an Gabriella Weber übergeben. Im vergangenen Jahr hat sich Gabriella, wie sie genannt werden will, bereits eingearbeitet und nach und nach die Zügel übernommen. Wer den beiden gegenübersitzt bemerkt schnell, dass Gabriella streng sein kann. „Wir wollen, dass uns die Menschen schöne und brauchbare Dinge bringen und nicht hier ihren Müll entsorgen.” Das Motto galt zwar auch schon unter Ludwig Streicher, nur durchsetzen konnte er es nicht immer. Gabriella bringt nun mehr Struktur in die Tenne am Seefelderhofberg.

Der Annahmebereich wurde umstrukturiert, dort wird die Ware vorsortiert. Was keinen Abnehmer finden wird, wird nicht mehr angenommen, zum Beispiel Plastik-Kinderspielzeug, einzelne Geschirrteile oder Elektrogeräte, die älter als vier Jahre sind. Die neue Gangart zeigt bereits erste Erfolge. „Wir erfahren zunehmend Großzügigkeit und Wertschätzung. Manche Menschen fragen zum Beispiel nach, welche Waren gebraucht werden und bringen diese dann”, sagt Gabriella. Das Ziel der Tenne ist, Brauchbares zu kleinem Preis weiterzuvermitteln, Müll zu vermeiden und insbesondere dafür zu sorgen, dass sich Ärmere auch einmal etwas Schönes leisten können. Rund 20 Personen gehören inzwischen zum Netzwerk der Helfer. Einige sind sogar angestellt und versichert. Sie kümmern sich insbesondere um Räumungen und Umzüge. Sie helfen, Wohnungen einzurichten und bieten Hilfe in Haus und Garten. Zudem leisten junge Menschen in der Tenne Sozialstunden ab. Einige wurden bereits übernommen, so hilft die Tenne auch bei der Integration ins Arbeitsleben, erzählt Streicher. „Auch Asylbewerber haben hier schon eine Arbeit gefunden.”

Kitsch, Kunst und Kurioses

Die Tenne ist eine fesselnde Fundgrube an Kuriosem, Nostalgischem und Modernem, an Gebrauchsgegenständen, Sammlerstücken und längst Vergessenem. Wer sich ein bisschen Zeit nimmt, findet hier genau das Einzelstück, das ihm zuhause noch gefehlt hat. Oder ein besonderes Geschenk. „Künstler kaufen bei uns Bilderrahmen, Antiquitätenhändler wollen ein Schnäppchen machen, Näherinnen suchen nach Garnen oder Stoffen. Sogar halb fertige Pullis finden eine Liebhaberin und werden fertiggestrickt”, erzählt Streicher. Er öffnet den Kofferraum seines Autos. Hier ruht eine große Christusfigur und ein Sockel dazu, gut 100 Jahre alt, ein Geschenk aus Privatbesitz. Streicher schleppt sie vorbei an den wohlgefüllten Regalen mit ungeliebten Geschenken, originalverpackten Kaffeemaschinen, Puppenköpfen, Bierkrügen, Rosenkränzen, Schaukelpferden. Nun strahlt sie erst einmal ihre wohltuende Stille im Büro aus, bevor Streicher einen Platz für sie in einer Kapelle gefunden hat.

Vor knapp zehn Jahren hat der ehemalige Diakon mit der ersten Tenne in Denklingen begonnen. Damals stand er im Dienst der katholischen Kirche und hatte die Aufgabe, Winterkleider für Obdachlose zu besorgen. Als sich allzuviel Unbrauchbares in seinem Büro stapelte, kontaktierte er einen Entrümpler. Eben dieser Mann unterhielt eine Tenne in Denklingen, hatte aber keine Lust mehr, weiterzumachen. Streicher stieg ein und eröffnete weitere Tennen in Landsberg, Utting und Fischen. „Am Anfang wurde ich als Spinner belächelt”, sagt Streicher, doch er blieb beharrlich, führte auch seinen 2003 gegründeten Förderverein „Stiftung Lebensfreue e.V.” weiter.

In Streichers Kindertagen erschuf die Bildhauerin Flechtner das Uttinger Brunnenbüberl nach seinem Vorbild.

In Streichers Kindertagen erschuf die Bildhauerin Flechtner das Uttinger Brunnenbüberl nach seinem Vorbild.

Die Tenne in Landsberg wurde vor Jahren bereits aufgegeben; durch das Sozialkaufhaus „Bill” war eine große Konkurrenz entstanden. Vor etwa einem Jahr bereitete der 65-Jährige dann seinen Rückzug aus den Tennen vor, übergab zuerst das Denklinger Haus in andere Hände, nun das in Utting und schloss vor kurzem auch die Erlebnistenne in Fischen. „Es ist eine erfüllende Arbeit gewesen, jeder Tag hat etwas Neues gebracht”, sagt Streicher rückblickend voller Dankbarkeit. War er zwar auch in den Tennen immer ganz nah dran an den Menschen, so hat doch die Seelsorge wieder einen höheren Stellenwert in seinem Leben bekommen. Als Freier Seelsorger wird Streicher stark nachgefragt; er hält traditionell christliche oder freigeistig spirituelle Traueransprachen, weltoffene Gottesdienste, wird für Hochzeiten gebucht oder Willkommensfeiern bei der Geburt eines Kindes.

Oft ist Gabriella an seiner Seite. „Die Tenne liefert uns viel Predigtstoff, über alle Konfessionen hinweg”, sagt Streicher. Utting wird er stets erhalten bleiben und sei es auch nur in Form des steinernen Uttinger Brunnenbüberls in der Dorfmitte. In seinen Kindertagen hat es die Bildhauerin Flechtner nach seinem Vorbild erschaffen.