Heute ist der bundesweite Tag des Schlaganfalls Der Ammersee Kurier sprach mit der Logopädin Britta von Nordheim – Die Dießenerin ist spezialisiert auf Schlaganfallpatienten

Sibylle Reiter  10. Mai 2016

Britta von Nordheim in ihrem Behandlungszimmer in Dießen. Fotos (2): Reiter
Viele Schlaganfall-Patienten verarbeiten das Trauma ihrer Erkrankung in einem Buch, wie Stefanie Will aus Schondorf. Kurz vor dem „Tag des Schlaganfalls“ hat sie ihr Buch: „Alles auf null und noch einmal von vorne. Wie ich nach einem Schlaganfall mit Hoffnung, Mut und Hingabe ein neues Leben begann“, veröffentlicht. ISBN: 9783740711429  Foto: Verlag

Viele Schlaganfall-Patienten verarbeiten das Trauma ihrer Erkrankung in einem Buch, wie Stefanie Will aus Schondorf. Kurz vor dem „Tag des Schlaganfalls“ hat sie ihr Buch: „Alles auf null und noch einmal von vorne. Wie ich nach einem Schlaganfall mit Hoffnung, Mut und Hingabe ein neues Leben begann“, veröffentlicht. ISBN: 9783740711429
Foto: Verlag

Dießen – Am 10. Mai ist Tag des Schlaganfalls. Etwa 270.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an dieser heimtückischen Krankheit. Immer mehr jüngere Menschen sind darunter, pro Jahr auch etwa 300 Kinder. Sogar Babys können im Mutterleib oder während der Geburt einen Schlaganfall erleiden.

Die Dießener Logopädin Britta von Nordheim behandelt in ihrer Praxis viele Schlaganfall-Patienten – sie machen derzeit etwa 40 Prozent ihrer Arbeit aus.

Ein Schlaganfall kann Schluckstörungen nach sich ziehen und das Sprachzentrum im Gehirn schädigen, wodurch es zu einer Aphasie kommen kann, einer Störung der Sprache. Diese Störungen können Logopäden behandeln und oft soweit verbessern, dass die Patienten im Alltag besser zurecht kommen. Die Ausprägung einer Sprachstörung ist bei jedem Patienten anders, ebenso der Verlauf der Heilung.

„Die Schädigungen sind so unterschiedlich ausgeprägt wie es die Schlaganfälle und die Menschen sind”, weiß Britta von Nordheim. Im schlimmsten Fall sei die Sprache vollständig weg, andere Patienten hätten „nur” beim Sprechen Probleme, andere auch beim Verstehen, Schreiben, Lesen oder Rechnen. Bei manchen liegt eine Kombinationen mehrerer dieser Faktoren vor.

Die Dießener Logopädin hat viel Erfahrung mit Schlaganfall-Patienten, bereits während ihrer Ausbildung absolvierte sie verschiedene Praktika, unter anderem im Neurologischen Rehabilitationszentrum Friedehorst bei Bremen. In Dießen hat sie seit 2004 ihre Praxis in schönen hellen Räumen am Marktplatz.

Auch Kinder kommen gern hierher, es gibt einen Bereich, der auf sie geschnitten ist, mit kleinen Sitzmöbeln, bunten Teppichen und einem Regal mit vielen Büchern und Spielen, die Britta von Nordheim auch in der Therapie einsetzt. Kommt ein Schlaganfall-Patient in ihre Praxis, ist es Britta von Nordheim ein Anliegen, ihn zunächst gut kennenzulernen. Und auch die Angehörigen spielen eine wichtige Rolle.

Angehörige sind in der ersten Sitzung willkommen

„Bei der ersten Sitzung ist es immer gut, wenn Angehörige dabei sind”, so von Nordheim. Denn auch für sie ändert sich das Leben von einem Tag auf den anderen, wenn die Kommunikation mit dem erkrankten Partner gestört ist. Die Kommunikation ist vielleicht nicht mehr über die Sprache möglich oder sehr viel schwieriger geworden. „Da ist es wichtig, dass auch die Angehörigen wissen, wie sie damit umgehen können”, so die Expertin. Manche Patienten finden die Wörter nicht, die sie sagen möchten oder verwenden falsche, was zu Missverständnissen führen kann. Andere können keinen zusammenhängenden Text mehr lesen oder sind nicht in der Lage, ihre Adresse zu schreiben, die Post richtig zu lesen oder Zahlen zu verarbeiten. Die Beeinträchtigungen sind sehr unterschiedlich.

Logopädische Übungen beginnen oft kurz nach dem Schlaganfall

Schlaganfall-Patienten fangen meist schon ein, ein oder zwei Tage nach der Diagnose im Krankenhaus mit logopädischen Übungen an. Danach ist es wichtig, regelmäßig ambulante Therapiestunden wahrzunehmen und auch zu Hause zu üben. „Es ist sehr wichtig, dass immer die Motivation da ist”, sagt die Logopädin. Bei Schlaganfall-Patienten komme es vor, dass manchmal über zehn Therapieeinheiten hinweg nichts Sichtbares passiere und dann gebe es auf einem wieder einen großen Sprung nach vorn. Wenn man dranbleibe, werde man in der Regel auch mit Fortschritten belohnt. Logopäden brauchen aber nicht nur Überzeugungskraft, sondern auch Empathie.

Es sei wichtig, sich auf den Patienten einzulassen: „Ich will meine Patienten gut kennenlernen, ihren Beruf, ihre Hobbys und ihre Lebenssituation verstehen. So kann ich sie über bestimmte Themen besser motivieren”, sagt Britta von Nordheim. Dazu muss man als Logopäde auch ein bisschen Psychologe sein – „aber ich kenne meine Grenzen und weiß, wann ich einen Patienten zum Facharzt weiterleiten muss.”

Die Zusammenarbeit mit den Dießener Ärzten sei generell sehr gut, man kenne sich und stimme sich zum Wohl der Patienten sehr gut ab. „Es ist wichtig, eine professionelle Distanz zum Patienten zu haben”, sagt Britta von Nordheim, „aber das gelingt nicht immer, vor allem auch, wenn man jemanden über eine sehr lange Zeit betreut. Manches lässt einen da überhaupt nicht kalt. Aber eine gesunde Mischung ist wichtig.”

Patienten kommen oft über Jahre hinweg

Manche Patienten kämen über Jahre und da kenne man sich dann schon sehr gut. „Ich habe sehr nette Patientinnen und Patienten. Oft gibt es auch lustige Situationen, wenn ein Patient mal nicht das richtige Wort findet und ein unpassendes sagt. Dann haben wir gemeinsam viel zu lachen”, so Nordheim. Die Logopädin erzählt von einem etwa 60-jährigen Patienten, der kurz nach dem Schlaganfall kaum Laute bilden konnte. Mit Anlauthilfe – mittels einer Bewegungen des Mundes, die den Anlaut formt und dazu einer Handgeste – trainierte die Logopädin mit ihm die Wörter des Alltags. Schon bald gab es schöne Fortschritte: „Baum, Ball, Pilz etc. kommen mittlerweile von ganz allein!”, freut sich Britta von Nordheim. Arbeitsblätter, Übungen mit dem iPAD, Zeitungsausschnitte zu Themen, die die Patienten interessieren – die Logopädin sucht für jeden Patienten das passende Motivationsinstrument und gibt Arbeitsblätter und Aufgaben mit nach Hause, die auf die Patienten zugeschnitten sind: „Wir erarbeiten uns in der Therapie gemeinsam etwas, das die Patienten dann zu Hause vertiefen können”.

Erkrankungen nach Schlaganfall sind aber nur ein Teil der Krankheitsbilder, die Britta von Nordheim behandelt: Hinzu kommen Menschen mit Stimmstörungen (Erkrankungen des Kehlkopfs), Menschen mit Stimmbandlähmungen, etwa nach Schilddrüsenoperationen, oder mit Lähmungen des Gesichtsnervs, die aufgrund eines Unfalls, einer verschleppten Grippe oder einer Herpesinfektion auftreten können.

Auch Kinder mit Sprechstörungen kommen zur Logopädin

Auch zahlreiche Kinder mit Artikulationsstörungen (Lispeln), verzögertem Sprechbeginn und Schluckstörungen sowie Kinder, die stottern, therapieren Britta von Nordheim und ihre Mitarbeiterin. Dazu kommen grammatikalische Störungen: „Etwa, wenn der Kinderarzt feststellt, dass es beim Satzbau und Wortschatz zu Fehlentwicklungen oder Verzögerungen bekommen ist”, so Britta von Nordheim. Mehrfach im Jahr ist die Logopädin unterwegs, um hinzuzulernen und Fortbildungspunkte zu sammeln– denn häufige Fortbildung ist Pflicht. Erst kürzlich hat sie eine Ausbildung über Craniosacrale Techniken in der Logopädie absolviert.

Umzug im Juni in die Herrenstraße

Logopädiepraxis Britta von Nordheim: Blick ins Wartezimmer.

Logopädiepraxis Britta von Nordheim: Blick ins Wartezimmer.

Im Juni zieht Britta von Nordheim mit ihrer Praxis um – nicht weit vom derzeitigen Standort hat sie in der Herrenstraße etwas größere Praxisräume im Erdgeschoss angemietet, die für Rollstuhlfahrer gut erreichbar sind.

Die Logopädin macht aber auch viele Hausbesuche bei den Patienten, die im Rollstuhl sitzen und ihre Praxis nicht aufsuchen können: „Ich bin oft in den Seniorenheimen hier im Ort oder komme zu den Patientinnen und Patienten nach Hause”. Britta von Nordheim ist sehr zufrieden mit ihrem Beruf als Logopädin: „Wenn ich noch einmal vor der Wahl stünde, würde ich mich jederzeit wieder für meinen Beruf entscheiden, da die Tätigkeit so vielseitig ist und mir der Kontakt und der Umgang mit den Menschen gefallen.”

Weitere Informationen, auch über Selbsthilfegruppen für Schlaganfall-Patienten und speziell für Aphasiker in Ihrer Nähe: www.schlaganfall-hilfe.de.

Schlaganfall: FAST-Test

Jeder Schlaganfall ist ein Notfall. Rufen Sie daher unbedingt sofort den Notarzt, wenn Verdacht auf Schlaganfall besteht. Mit dem FAST-Test können Sie einen Schlaganfall erkennen:

F (Face/Gesicht): Um ein Lächeln bitten. Das Gesicht wird bei Lähmung einseitig verzogen.

A (Arms/Arme):
Arme nach vorne heben, Handflächen nach oben. Bei einer Lähmung können die Arme nicht gehoben werden, sie sinken oder drehen sich.

S (Speech/Sprechen): Einen einfachen Satz nachsprechen. Ist die Sprache verwaschen, handelt es sich um eine Lähmung.

T (Time/Zeit): Sofort Rettungsmaßnahmen einleiten.

Quelle: Schlaganfall Forum e. V.

Risikofaktoren und Versorgung

Diese Faktoren lassen das Schlaganfall-Risiko steigen: Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörung, Rauchen, Bewegungsmangel, Übergewicht, Herzrhythmusstörungen.

Einige dieser Faktoren können zur Arteriosklerose führen, der Hauptursache von Schlaganfällen. Bei einer Arteriosklerose kommt es zu Ablagerungen an den Gefäßwänden, die die Gefäße nach und nach verengen. Infolge dessen kann nur noch wenig sauerstoffreiches Blut ins Gehirn fließen, es kommt zum Sauerstoffmangel und unter Umständen zum Schlaganfall. Darüber hinaus sind verkalkte Arterien spröde und weniger flexibel, was wiederum zu kleinen Rissen in den Arterienwänden führen kann. Die Risse begünstigen in der Folge das Entstehen einer Thrombose und eines verstopfenden Blutgerinnsels. Deutlich seltener treten Schlaganfälle durch Hirnblutungen auf. Rund 20 Prozent aller Hirnschläge basieren auf Einblutungen im Gehirn, die wiederum durch Risse in den Arterien entstehen. Ursächlich sind neben der Arteriosklerose vor allem poröse Gefäßwände durch Diabetes mellitus und Hypertonie. Aber auch ein plötzlicher Blutdruckanstieg kann die Gefäße zum Reißen bringen. In einigen Fällen bestand außerdem schon im Vorfeld eine Schwäche der Hirnarterien, nämlich dann, wenn die Arterien durch Aneurysmen bereits erweitert und ausgebeult waren.

In Deutschland existieren 163 regionale und überregionale Stroke Units (SU), die nach dem neuen Zertifizierungsverfahren der Deutschen Schlaganfall Gesellschaft sowie der Stiftung Deutschen Schlaganfall-Hilfe zertifiziert sind (Stand Mai 2010). Die Bettenzahl der SU beträgt 950 Betten (Stand Mai 2010). Es wird geschätzt, dass derzeit zwischen 45 und 50 Prozent der Schlaganfallpatienten in Deutschland auf einer SU behandelt werden. Derzeit gibt es allerdings nur wenige Daten zur Qualität der Schlaganfallversorgung nach Entlassung aus dem Akutkrankenhaus. In Deutschland gibt es im Vergleich zu anderen Ländern relativ gute Daten zu Häufigkeit sowie zur Versorgungssituation von Schlaganfallpatienten, insbesondere während der akutstationären Behandlung. Es fehlen jedoch aktuelle Daten zur zeitlichen Entwicklung der Schlaganfallhäufigkeit und zum Schlaganfallrisiko.

Quellen: www.schlaganfall-heute.de und Deutsche Gesellschaft für Neurointensiv- und Notfallmedizin, www. www2.dgni.de