Auf der Suche nach der verlorenen Zeit „Unorte“ – Ausstellung von Martin Gensbauer im Neuen Stadtmuseum Landsberg

Dr. Hajo Düchting  14. August 2015

Den Maler Martin Gensbaur reizen „Unorte“, durch keinen Schnappschuss zu veredelnde, von Gott und der Welt verlassene Transiträume. Foto: oh

Dießen/Landsberg – Menschenleer sind die „Unorte”, die der Dießener Künstler und Kunsterzieher Martin Gensbaur gerne ins Visier nimmt und mit malerischer Verve ins Bild setzt. Kein Windhauch regt sich, kein Vogel kreist, kein Hund bellt an diesen verlassenen Orten irgendwo in der italienischen Provinz – oder im heimischen Umland. Und es sind zumeist hässliche, unansehnliche Orte, die man – zumindest als Tourist – lieber meidet, umfährt, als in ihnen zu verweilen: alte, ziemlich verrottet aussehende Tankstellen, Baucontainer, verlassene Fabriken, Betonzäune an Autobahnen, Einkaufszentren, aber vollkommen unbelebt.

„Unorte” liegen nicht im Fokus unserer Wahrnehmung, es sind abseitige Orte, am Rande einer Stadt, außerhalb der alltäglichen menschlichen Kommunikation, oder von den Menschen bereits wieder verlassen, deren „Orte” sich anderswo weiter in die Landschaft fressen. In der modernen Gesellschaft entstehen solche „Nicht-Orte” überall. Es sind „leere Orte” ohne Geschichte und Identität wie ein Einkaufszentrum oder eine Autobahn. Aber was reizt einen Maler an solchen Leerstellen der Gesellschaft, an dieser post-apokalyptischen Szenerie im Niemandsland der wuchernden menschlichen Besiedlung?

Martin Gensbaur reizen gerade diese abseitigen, durch keinen Schnappschuss zu veredelnden, von Gott und der Welt verlassenen Transiträume. Hier schlägt er seine Staffelei auf, hier vertieft er sich in das Motiv – wie 110 Jahre vor ihm Paul Cézanne in der Wildnis der Saint-Victoire, da wo kein Wanderer je seinen Fuß hingesetzt hat. Beide Maler verbindet die unbedingte Suche nach „Wahrheit in der Malerei”. Es geht um die Konditionen der Malerei unter der Bedingung des „sehenden Sehens” (Imdahl). Es geht um Farbe und Licht, um Hell-Dunkel und Schatten, um Komposition aus den Bausteinen der platonischen Geometrie.

Und es geht nicht um Anekdotisches, Historisches, um nette Deja-Vue-Erlebnisse, die manche Betrachter von Gensbauers Bildern gerne mal haben wollen. Es geht um die Frage nach dem Bild in einer Zeit der medialen Beschleunigung, der Vermischung der Gattungen, der Entgrenzung und Ent-Wertung aller Dinge.

Gensbaur hält stur an seinem Motiv fest, über Tage und Wochen. In der Zwischenzeit werden zig neue technische Erfindungen, wissenschaftliche Entdeckungen, neue Medikamente gegen Depressionen und Demenz, neue Autos und Flugzeuge gemacht. Das alles ist Teil der fortschreitenden Geschichte der Menschheit, die uns einem sehr ungewissen Schicksal entgegentreibt.

Cézanne sagte, „man muß sich beeilen, alles verschwindet”! Und brauchte selbst Monate für ein Gemälde von Äpfeln, mit denen er Paris in Erstaunen setzen wollte. Was will uns Gensbaur mit seinen Bildern sagen?

Er will uns vielleicht zwingen, stehen zu bleiben, hinzuschauen, das Gesehene zu reflektieren. Schaut her, das habt ihr gemacht und doch ist es schön! Die Landschaft habt ihr verschandelt mit euren Betonsilos, aber ihr könnt sie dennoch nicht zerstören. Denn auch solche „Un-Orte” haben ihren eigenen Reiz, wenn man sie so malen kann wie Martin Gensbaur: als Durchgang zwischen zwei Zeiten, zwischen zwei Räumen, zwei Geschichten. Der Rest ist Imagination, der Königin der Fähigkeiten (Baudelaire)!

Martin Gensbaur stellt im Neuen Stadtmuseum zusammen mit Roswitha Tafertshofer aus, die diese sehenswerte Ausstellung mit ihren Stellagen ergänzt, Bahnhöfe, Läden, Bauernhöfe und Tankstellen, Kinderspielzeug aus vergangener Zeit, die sie entfremdet und neu gestaltet hat. Tafertshofer spürt dem Nimbus und dem Glanz des Gewesenen nach, der nur entsteht, wenn das Vergangene und der Verfall einbezogen werden.

Und insofern ergänzt sie die Bilder von Gensbaur kongenial mit den „Un-Orten” der Zeit, unserer Vergangenheit, der Erinnerung an unsere Kindheit, die oft verklärt und verkürzt dennoch die Wurzeln unserer Gegenwart bildet.

Die Ausstellung ist bis 27. September im Stadtmuseum Landsberg zu sehen.