Fluch und Segen eines Satiremagazins Dr. Thomas Raff sprach bei Goys Letzten Montagen über die Rolle des Simplicissimus im Ersten Weltkrieg

Michael Fuchs-Gamböck  5. Mai 2015

Dr. Thomas Raff bezeichnete den „Simplicissimus“ als reines Kritikorgan, das die deutschen Verhältnisse vor 1914 „scharf und ironisch sezierte“. Foto: Rogner

Dießen – Es ist immer wieder so erstaunlich wie erfreulich, dass Sebastian Goy, Organisator der Kultur-Reihe „Goys Letzte Montage”, am (zumeist) letzten Montag des Monats den Nebenraum des Dießener Lokals „Maurerhansl” bis zum letzten Platz füllt. Dabei war das Motto speziell bei der Veranstaltung am 27. April recht sperrig: „Mit voller Lungenkraft blies er in die Kriegsposaune – der „Simplicissimus” im Ersten Weltkrieg.”

Doch wenn sich ein so erfahrener, viel belesener und dabei launig vortragender Referent wie der in Dießen ansässige Kunsthistoriker Dr. Thomas Raff einer derartigen Thematik beherzt annimmt, kriegt der Interessierte einen wahrlich lebendigen Einblick in einen ihm bis dahin eventuell nicht vertrauten Aspekt der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der „Simplicissimus”, 1896 in München ursprünglich als Literatur-Revue gegründet, verwandelte sich rasch in ein illustriertes Satire-Magazin.

Bürgerliche Moral, Beamte, Kirchen, Militär: Die Gegner

„Die Gegner waren zu Beginn klar”, erläutert Raff in seinem Vortrag, „ das waren bürgerliche Moral, Kirchen, Beamte, Juristen, das Militär.” Kein Wunder, denn kritische Geister wie Käthe Kollwitz oder Heinrich Zille füllten die Seiten des Blatts mit teilweise provozierenden Arbeiten. „Die Ausgaben wurden immer mal wieder gerne konfisziert, denn für die Mitstreiter beim „Simplicissimus” genoss die Pressefreiheit oberste Priorität”, dokumentiert Raff. „Wobei man sich gegen das Beschlagnahmen nicht sonderlich wehrte, denn dadurch wurde das Heft interessanter fürs Publikum. Jede neue Ausgabe legte an Auflage zu.”

Thomas Raff bezeichnet die Zeitschrift, die von dem großbürgerlichen, intellektuellen Juden Th. Th. Heine konzipiert worden war, als „reines Kritik-Organ, das die deutschen Verhältnisse vor 1914 scharf und nicht selten ironisch sezierte”. Dann kam es zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs – und mit einem Mal wurde vieles anders beim „Scimplicissimus”.

„Bis 1914″, schildert Raff, „wurde die Militarisierung der deutschen Außenpolitik heftig angegangen. Doch im Rahmen der allgemein in Deutschland herrschenden Kriegsbegeisterung gab die Redaktion bald ihre kritische Haltung auf. Plötzlich wurde aus dem Heft zunächst ein kriegsverherrlichendes, später die Bevölkerung zum Durchhalten aufrufendes Pamphlet.

Was für ein Sündenfall”, ereifert sich Raff. Im Herbst 1914 hielten die „Simplicissimus”-Verantwortlichen eine Krisensitzung ab, während der Chefredakteur Ludwig Thoma es gerne gesehen hätte, wenn das Magazin eingestellt worden wäre. „Wir können ein Blatt in dieser Form in Zeiten des Krieges nicht weiterführen”, soll er gesagt haben.

Doch seine Kollegen, allen voran Begründer Th. Th. Heine, waren anderer Ansicht: „Gerade jetzt müssen wir weitermachen, indem die Zeitung nationalistisch wird.” Ab dem 20. Jahrgang, anno 1915, wurde die einst pazifistische, liberale und gelegentlich libertäre Institution, so Raff, „beinahe ein chauvinistisches Kampf-Organ, sie hat sich gegen die vermeintlichen Feinde wie Frankreich oder Russland gerne mal bösartig gewehrt. Aus Opposition wurde Opportunismus”, beklagt der Kunsthistoriker. „Man suhlte sich in ab und an peinlicher Kriegspropaganda.” Bei aller Ernsthaftigkeit im Vortrag, bei allen überraschenden und zum Teil geradezu schockierenden Fakten – Dr. Raff versäumt es nie, den Unterhaltungswert seines Vortrags zu übersehen. Und genau dieser Umstand zeichnet es aus, wie man einem neugierigen Publikum Historie vermitteln kann.

Modernes Entertainment, im besten Sinne des Wortes. Auch die „Simplicissimus”-Gefolgsleute mussten sich übrigens 1918, nach Ende des Ersten Weltkriegs, neu orientieren. „Mit einem Mal”, feixt Raff, „waren ihnen die Hauptfeinde, wie etwa das Kaisertum, weggebrochen. Wenn plötzlich das Volk anstatt der Monarchie regiert, bedurfte es eigentlich keines Satire-Magazins mehr.” Der „Simplicissimus” machte dennoch weiter, war in der demokratischen Regierungsform angekommen, für die er sich bis 1914 eingesetzt hatte. Denker-Institutionen wie Erich Kästner oder Joachim Ringelnatz gesellten sich zum Team.

Der Ton gegen Links- wie Rechtsradikale, die neuen Feinde der an die junge Demokratie glaubenden Redaktion, wurde schärfer, die Demokratie-Totengräber KPD und vor allem NSDAP wurden heftig angeprangert. Nach Adolf Hitlers Machtübernahme wurde der „Simplicissimus” von den Nationalsozialisten „gleichgeschaltet”, wie dieser Vorgang damals definiert wurde.

Der Jude Th. Th. Heine floh ins Ausland, das Magazin existierte noch bis Herbst 1944, geprägt von Nazi-Propaganda. Fazit von Dr. Raffs Vortrag: „Radikal war der „Simplicissimus” nie, kritisch aber durchaus die meiste Zeit seiner Existenz. Ab 1933 allerdings hatte er seinen ursprünglichen Geist endgültig aufgegeben. Eigentlich traurig.”

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