Warum Bayern etwas ganz Besonderes ist Der ehemalige Stern-Journalist Teja Fiedler war am Montag bei Goys Letzten Montagen

Michael Fuchs-Gamböck  2. April 2015

Teja Fiedler hat ein Buch über Bayern geschrieben. Foto: Jürgen Rogner

Dießen – Ich freue mich, dass ich als Niederbayer hier in Oberbayern, also im Feindesland, dermaßen viele Zuschauer vor mir sitzen habe”, feixt Teja Fiedler gleich zu Beginn seiner Lesung, die vor vollem Haus im Nebenzimmer des Dießener Lokals „Maurerhansl” im Rahmen der von Sebastian Goy initiierten Veranstaltungsreihe „Goys Letzte Montage” über die Bühne geht, mit breitem Grinsen.

Bereits mit diesen ersten Worten hat der 71-jährige Plattlinger Journalist Fiedler die Lacher – und das Publikum – auf seiner Seite. An diesem Umstand wird sich im Laufe der rund 90-minütigen Veranstaltung nichts ändern, zu vereinnahmend ist der angesehene Korrespondent. Fiedler hat jahrzehntelang für das alteingesessene Wochenmagazin „Stern” aus Rom, Washington, New York oder Mumbai berichtet. Auch heute noch ist der Umtriebige, der seit 1981 der Liebe und der Arbeit halber nach Hamburg gezogen ist (seine hanseatische Gattin sitzt im „Maurerhansl” übrigens auch im Publikum), immer mal wieder im Ausland für Reportagen unterwegs, wenn auch bewusst nicht mehr für den „Stern” („der hat sich in der letzten Zeit nicht unbedingt zum Positiven entwickelt”, verrät Fiedler im Gespräch enttäuscht).

Den meisten Spaß bereitet es dem Wahl-Nordlicht in den letzten Jahren allerdings, seiner Passion für Geschichts-Bücher nachzugehen, schließlich ist der Mann studierter Historiker. Ganz besonders hat es ihm bei den Untersuchungen seine Heimat Bayern angetan. „Mia san mia”, nennt sich Fiedlers aktuelles Werk, worin die lange, wechselhafte Geschichte des Freistaats opulent erzählt wird. Dieses Werk ist auch der Anlass für Fiedlers Lesereise, die ihn am Montag nach Dießen geführt hat. „Ich fange heute Abend da an, wo Geschichte für gewöhnlich anfängt”, erklärt der drahtige, rüstige Mann sein Programm, „nämlich am Anfang. In diesem Fall meine ich konkret den Anfang meines Buchs.” Dann legt Teja Fiedler los, mit sattem, sonorem Timbre. Er benötigt kein Mikrofon, um auch den letzten Besucher in der hintersten Reihe mit seinem Vortrag zu erreichen. Und so wird im ersten Kapitel von „Mia san mia”, äußerst launig und dabei detailversessen, die abenteuerliche Entstehungsgeschichte des Bayernlands dargestellt. Man merkt Fiedlers Stilistik an, dass sie geschult ist an etlichen historischen Serien, die er für den „Stern” verfasst hat. Ja, Geschichte kann mit all ihren kühlen Fakten durchaus Vergnügen bereiten, wenn sie nur spannend und dabei charmant erzählt wird!

Lautes Lachen vom Publikum

Nicht umsonst wird die Lesung immer wieder von lauten Lachern aus dem Publikum unterbrochen. Der gestandene Journalist hat sehr viel Ahnung von der – in diesem Fall bayerischen – Geschichte. Aber er geht mit all diesem Wissen nicht als wichtigtuerischer, staubtrockener Dozent hausieren. Sondern er erzählt nur, gerne mit einem Augenzwinkern, ohne dabei die Fakten je zu vernachlässigen. Teja Fiedler beschönigt zudem nichts, was die Historie seiner Heimat betrifft. Teilweise hat er gar einschneidende Probleme damit, was die oft brutale, machtlüsterne Handlungsweise ihrer wechselnden Herrscher angeht. Im zweiten Teil seines Vortrags macht Fiedler einen gewagten Sprung mitten rein ins 19. Jahrhundert. König Ludwig I. ist nun sein Thema, vor allem dessen Amour Fou mit sener feuriger Mätresse Lola Montez, die sich trotz miserabler Spanisch-Kenntnisse als Latina ausgab, wenngleich sie gebürtige Irin war. Laut dem Autor geht es in jenem Kapitel in erster Linie um das „Wiederbelebungs-Wunders” des bayerischen Herrschers, das seine 35 Jahre jüngere Geliebte an dem von Leidenschaft Geblendeten vollführt hat.

Ein Kapitel ist nicht lustig

Zwar gab sich Ludwig I. schon früher trotz Ehe und Familie als fremdgehender Gewohnheitstäter. Doch die Tänzerin Montez, meint Fiedler, trieb den alten Knaben ins „erotische Delirium”. Ehe die Veranstaltung in die Pause geht, erhält das Publikum eine vergnügliche bayerische Geschichtsstunde, deftig und urkomisch, trotz aller durchaus ernster Zwischentöne. Ungehemmt ernst wird es im letzten Teil der Lesung. „Das hier ist ein Kapitel, das nicht wirklich lustig ist”, kündigt Teja Fiedler gleich zu Beginn seines Vortrags an. „Doch es ist mir ein Anliegen, das nicht zu vertuschen.

Es dreht sich um eine sehr dunkle Ära von Bayern, nämlich um die Jahre 1919 bis 1923, also um die Weimarer Republik und den damit verbundenen Aufstieg von Adolf Hitler, der in München begann.” Das beklemmende Fazit des „Mia san mia”- Kapitels, „der völkische Sumpf”, ist laut Fiedler, dem man anmerkt, wie sehr ihn diese Ära bedrückt und mitnimmt: „Bayern war während der Weimarer Republik die anti-demokratischste Region im gesamten Deutschen Reich und Steigbügelhalter für das sogenannte Dritte Reich. Das darf nicht verschwiegen werden.” Mit solch düsterer Erkenntnis entlässt Teja Fiedler sein Publikum in eine stürmische Nacht. Nicht ohne freilich zum Abschied die Worte mitzugeben: „Wir Bayern mögen nicht aus einem Guss ein. Aber Hund sammer scho!” Das Publikum johlt, die hanseatische Gattin blinzelt ihrem Mann vergnügt – und wissend – dabei zu.

 

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