Rita Behl: „Es muss was passieren!“ Die Kreisbäuerin im Gespräch über die angespannte Lage der Hebammen im Landkreis

Phillipp Trouillier  10. März 2015

Mathilde Schmelzer mit Franz, Marei und Ludwig, Kreisbäuerin Rita Behl und Hebamme Andrea Klinger mit einer Unterschriftenliste bei der letztjährigen Aktion. Foto: oh

Dettenschwang – Als Kreisbäuerin ist Rita Behl nicht nur für die Belange der Frauen in der Landwirtschaft zuständig. Sie hat ein Auge auf alle Geschehnisse hier auf dem Land. Dazu zählen auch die Hebammen, die hier arbeiten, von Dorf zu Dorf fahren und werdende Mütter betreuen. Dennoch steht ihre berufliche Existenz aufgrund der hohen Versicherungssummen oft auf der Kippe. Gemeinsam mit den Landfrauen hat Rita Behl eine Aktion für die Verbesserung der Situation der Hebammen gestartet.

Ammersee Kurier: Frau Behl, Sie haben letztes Jahr eine Unterschriftenaktion organisiert, um auf die Situation der Hebammen aufmerksam zu machen. Dazu war die Presse bei der Landfrauenversammlung eingeladen. Wie kam es dazu?

Rita Behl: Letztes Jahr wurde dieses Thema bei den Landfrauen im Bayerischen Bauernverband angestoßen. Damals haben wir uns darauf geeinigt, dass wir, die Kreisbäuerinnen in Oberbayern, die Hebammen unterstützen wollen. In ganz Oberbayern gibt es 21 Kreisbäuerinnen, eine für jeden Landkreis. Und jede von uns hat sich bei sich selbst um solch eine Aktion bemüht.

Gemeinsam mit der Hebamme Andrea Klinger haben Sie dann eine Pressekonferenz abgehalten, wobei Sie das Problem gemeinsam vorgestellt haben. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Über zwei Ecken bin ich im Grunde an die Frau Klinger geraten, sie kommt aus Schwabmühlhausen. Ich suchte eine Hebamme, die bereit war, diese Aktion mitzumachen. Der erste Kontakt wurde dann über Mathilde Schmelzer hergestellt.

Wie kam das Thema Hebammen denn damals überhaupt an die Tagesordnung bei den Landfrauen?

Damals haben die Hebammen große Protestaktionen gestartet, haben in den Städten wie München und Berlin demonstriert. Und weil die Hebammen ja such auf dem Land praktizieren, haben wir damals gesagt ‚Die unterstützen wir‘. Außerdem ist die Hebamme ein typischer Frauenberuf. Schließlich gibt es nur ganz wenige Entbindungshelfer. Und damit ist es eine Angelegenheit, die uns Frauen eben auch angeht.

Wie schätzen Sie die Arbeit der Hebammen ein?

Gerade hier auf dem Land kommt den Hebammen eine besondere Bedeutung zu. Wenn hier ein Kind geboren wird, dann muss man von hier aus üblicherweise erstmal in die nächst größere Stadt fahren, nach Landsberg, Schongau oder Weilheim. Die Hebamme kann die ganze Betreuung vor der Geburt, die Geburt selbst und die Nachsorge, alles im eigenen Haus machen. Die Hebammen hier haben auch mehr Zeit für die werdende bzw. junge Mutter. In der Arztpraxis hat man eine Dreiviertelstunde, dann geht man wieder. Die Hebamme nimmt sich auch schon mal ein, zwei Stunden Zeit, um die Frau zu betreuen.

Hebammen auf dem Land können Schwangere also intensiver betreuen als in der Stadt, wo sie im Krankenhaus oder in der Praxis arbeiten?

Ja. Dennoch unterstützen wir nicht nur die freien Hebammen, wir sprechen für alle Hebammen. Auch in den Krankenhäusern ist die Situation für Hebammen nicht besonders gut. Die werden zwar versichert, aber nur für eine kleine Schadenssumme, sodass sie meist noch eine Zusatzversicherung abschließen müssen.

Auf dem Land ist eine Hebamme eben eine noch engere Bezugsperson. Da übernehmen die auch Aufgaben, die über die einer Hebamme mit Acht-Stunden-Schicht hinausgehen. Beispielsweise bei jungen Frauen, die schwanger sind, wenn das Kind eigentlich nicht gewünscht ist, dann kommt dieser Beruf auf eine ganz neue Ebene. Sie ist gewissermaßen eine Seelentrösterin, die immer erreichbar ist. Hebammen haben dann ein spezielles Mobiltelefon, deren Nummer nur die betreuten Frauen bekommen.

Hebammen haben also den Blick für das große Ganze?

Genau. Sie spendet Trost und führt Gespräche, wenn die Mutter überfordert ist. Es gibt ja auch sogenannte Wochenbettdepressionen, wenn die Mutter nach der Geburt das Kind nicht anfassen kann und gar keine Beziehung zu ihm aufbaut. Da wird die Hebamme besonders wichtig.

Wenn sie sieht, dass die Mutter nicht damit zurechtkommt, arbeitet die Hebamme mit dem Amt zusammen. Dann sorgt sie dafür, dass das Kind in eine Pflegefamilie kommt oder zur Adoption freigegeben wird. Da steht halt die beste Lösung für alle Beteiligten im Vordergurnd. Aber auch, wenn sie merkt, dass die Mutter schlecht behandelt wird, auch dann informiert sie die Behörden.

Wie ist die Unterschriftenaktion für die Hebammen denn angekommen?

Wir haben eine gute Rückmeldung erfahren. Das war jetzt vorerst eine einmalige Aktion. Dabei haben wir etwa 450 Unterschriften im Landkreis sammeln können. Die Unterschriften aus ganz Oberbayern wurden jetzt in München gesammelt, insgesamt waren es etwa 10.000. Am Montag, 9. März, werden die dann an die Bundestagsabgeordnete Gerda Hasselfeldt übergeben. Wenn es wieder eine Demonstration geben sollte, sind wir sicher bereit, uns da anzuschließen.

Was sind denn die konkreten Vorschläge der Hebammen zur Verbersserung der Situation, insbesondere, was die Versicherungen angeht?

Frau Klinger plädiert dafür, dass es vom Staat her einen Topf geben muss, in den die Hebammen vernünftige Beiträge einzahlen. Aktuell liegen die Summen ja bei knapp 6000 Euro. Da sind bei 450 Euro pro Geburt schon mal zehn Geburten notwendig, nur damit die Versicherung bezahlt ist. Das geht so nicht. Wenn es dann mal wirklich zu einem Schadensfall kommen sollte, könnte man das aus diesem Topf bezahlen. Aber das man sogar dreißig Jahre nach der Geburt noch klagen kann, das ist schwer zu begreifen. Wobei man diese Situation nur schwer als Außenstehender begreifen kann.

Sie sehen also den Staat in der Pflicht, eine Lösung zu finden?

Es kann ja nicht sein, dass ein ganzer Berufsstand auf der Kippe steht, nur weil die Politik nicht in der Lage ist, das zu maßregeln und die Hebammen dabei alleinlässt. Die Schadenssummen, auf die geklagt werden, gehen teilwiese in den Millionenbereich. Momentan gibt es eine Unterstützungsaktion vom Staat für die Hebammen, die aber im Sommer ausläuft und dann neu verhandelt werden muss. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Thema, das alle etwas angeht. Die derzeitige Situation kann nicht hingenommen werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Melanie Huber mit Sohn Leon. Foto: oh „Ich habe meinen Sohn im Starnberger Krankenhaus zur Welt gebracht und gute Erfahrungen mit Hebammen gemacht. Ich war bei der Geburtsvorbereitung und hatte nach der Geburt eine Hebamme aus Pähl, die zu mir ins Haus gekommen ist. Sie war immer erreichbar und ich konnte sie alles fragen. Ich finde es wichtig, eine Hebamme zu haben, gerade wenn man das erste Kind bekommt. Melanie Huber, Dießen

Melanie Huber mit Sohn Leon. Foto: oh
„Ich habe meinen Sohn im Starnberger Krankenhaus zur Welt gebracht und gute Erfahrungen mit Hebammen gemacht. Ich war bei der Geburtsvorbereitung und hatte nach der Geburt eine Hebamme aus Pähl, die zu mir ins Haus gekommen ist. Sie war immer erreichbar und ich konnte sie alles fragen. Ich finde es wichtig, eine Hebamme zu haben, gerade wenn man das erste Kind bekommt.
Melanie Huber, Dießen

Versicherungs-Konflikt der Hebammen – Bei jeder Geburt muss eine Hebamme vor Ort sein

  • Die Ausbildung zur Hebamme dauert drei Jahre. Ihre Aufgabe ist es, den Prozess der Geburt zu leiten, die Mutter zu betreuen, für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen. Insgesamt begleitet eine Hebamme eine Mutter über ein ganzes Jahr hinweg. Sowohl die Geburtsvorbereitung als auch die Nachsorge nehmen viel Zeit und Arbeit in Anspruch.
  • In Deutschland besteht das Gesetz, dass bei jeder Geburt eine ausgebildete Hebamme vor Ort sein muss. Ein Arzt allein reicht nicht aus, es besteht die sogenannte „Hinzuziehungspflicht”.
  • Trotz größtmöglicher und sorgfältigster Vorbereitung kommt es immer wieder zu Komplikationen bei Geburten, Komplikationen, die nicht vorhersehbar sind. Gegen solche Fälle versichern sich Hebammen. Arbeitet eine Hebamme in einem Krankenhaus, wird sie von der Klinik versichert. Jedoch ist die abgedeckte Summe oftmals sehr niedrig, sodass viele Hebammen noch eine Zusatzversicherung abschließen müssen.
  • Arbeitet eine Hebamme jedoch freiberuflich, muss sie diese Versicherungssumme selbst aufbringen. Diese Versicherungssumme hat sich in den letzten Jahren enorm erhöht. Mittlerweile sind Jahresbeiträge von über 6000 Euro der Normalfall. Ein Betrag, den eine Hebamme bei einem durchschnittlichen Monatsgehalt von etwa 1700 Euro nur schwer aufbringen kann. Zumal eine Hebamme für eine Geburt lediglich 450 Euro netto verdient.
  • Heute sind 70 Prozent aller Hebammen in Krankenhäusern angestellt. Die werdende Mutter kann wählen, ob sie das Kind zuhause oder in einer Klinik zur Welt bringen möchte, gesichert durch das Recht auf die freie Wahl des Geburtsortes. Jedoch kommen nur drei Prozent aller Kinder im eigenen Haus zur Welt. Viele Hebammen haben ihren Beruf aufgegeben, weil sie nicht in der Lage sind, die Versicherungssumme aufzubringen.
  • Der Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands (BfHD) kritisiert die gestiegenen Beiträge, da es heutzutage deutlich weniger Komplikationen gebe als noch vor einigen Jahren. Ein Grund für die hohen Summen ist, dass bei einer Geburt, die nicht glatt verläuft, die Hebamme verklagt werden kann auf Summen im siebenstelligen Bereich – und das sogar noch dreißig Jahre nach der Geburt. Wenn sie zum Zeitpunkt der Geburt für eine geringere Summe versichert war, muss die Hebamme oftmals privat haften. Solche Klagen sind in Kliniken keine Seltenheit mehr.
  • Der BfHD setzt sich für eine Normalisierung des Versicherungsbeitrages ein, insbesondere für Geringverdiener, damit Hausgeburten flächendeckend in Deutschland möglich sind und nicht nur in Ballungszentren.
  • Ein weiterer Kritikpunkt ist der pflichtmäßige Beitritt in die gesetzliche Rentenversicherung. oh

 

Lotte von Thülen mit Sohn Gustav. Foto: oh „Ohne die Hebammen wäre das Kinderkriegen für uns Frauen in der heutigen Zeit kaum zu machen. Und wenn es keine Hebammen mehr gibt, wer sichert uns dann die Zukunft? Denn die Zukunft hängt nunmal an den Kindern. Ohne Hebamme wäre meine Geburt wahrscheinlich nicht geglückt. Ich verdanke dieser Frau, dass ich und mein Kind gesund und am Leben sind.“ Lotte von Thülen, Utting

Lotte von Thülen mit Sohn Gustav. Foto: oh
„Ohne die Hebammen wäre das Kinderkriegen für uns Frauen in der heutigen Zeit kaum zu machen. Und wenn es keine Hebammen mehr gibt, wer sichert uns dann die Zukunft? Denn die Zukunft hängt nunmal an den Kindern. Ohne Hebamme wäre meine Geburt wahrscheinlich nicht geglückt. Ich verdanke dieser Frau, dass ich und mein Kind gesund und am Leben sind.“ Lotte von Thülen, Utting

Geschichte des Hebammenberufs

Hebamme gehört zu den ältesten Frauenberufen. Tempelmalereien der Drillingsgeburt der Pharaonenkinder des ägyptischen Sonnengottes Re aus dem dritten Jahrtausend vor Christus gehören zu den ältesten Zeugnissen der Hebammenkunst. In der griechischen und römischen Antike war es Brauch, dass nur Frauen Hebammen werden können, die selbst schon geboren haben, ihres Alters wegen aber selbst nicht mehr schwanger werden konnten. Durch diesen Brauch sollte sichergestellt werden, dass Hebammen jederzeit zur Verfügung standen und durch ihre eigene Geburtserfahrung befähigt waren, Geburtshilfe zu leisten. Zu den wesentlichen Aufgaben der Hebamme gehörten zu Lebzeiten des Sokrates neben der Anregung und Reduzierung der Wehen, der Entbindung des Kindes auch die Ehevermittlung sowie die Abtreibung.

Auch bei den Römern bestimmten die Familienväter allein, ob das von der Hebamme zu seinen Füßen gelegte Neugeborene des Lebens würdig war. Hob er das Kind auf und ließ es mit den Füßen den Boden berühren, wurde es Mitglied der Familie und der Gesellschaft. Geschah dies nicht, so verfiel es der Aussetzung auf dem Aventinischen Hügel oder an der Columna Lactaria (dt. Milchsäule, auch Säuglingssäule genannt). Griechen und Römern war die neue Kunstfertigkeit der Hebammen teuer. Wurde eine der zahlreichen Sklavinnen oder Tänzerinnen der Oberschicht schwanger, so achteten ihre Besitzer genau auf eine gute Entbindung. Denn Nachwuchs trieb den Preis der Frauen in die Höhe.

Das erste Hebammenlehrbuch „Gynäkologie” wurde um 117 von Soranos von Ephesos verfasst. Dieses Lehrbuch wurde um 220 vom griechischen Arzt Moschion erneut herausgegeben.

Es fasste erstmals Standards der Geburtshilfe zusammen und brachte damit das Fach maßgeblich voran. Es wird vermutet, dass Soranus sein Werk aus Überlieferungen von Hebammen zusammengestellt hat, schließlich durften Ärzte das weibliche Genital nicht berühren und keiner Geburt beiwohnen.

Ende des 11. Jahrhunderts schreibt die Ärztin Trotula von Salerno mehrere Werke, u.a. Passionibus Mulierum Curandorum (auch als Trotula Major bekannt), eine Abhandlung über Gynäkologie und Frauenkrankheiten.Im europäischen Mittelalter wurden Hebammen vermehrt verpflichtet, Glaubens-basierte Anforderungen zu erfüllen. Sie hatten die Pflicht, alle Neugeborenen persönlich zur Taufe zu bringen und im Fall eines Kindstodes unter der Geburt die Nottaufe vorzunehmen. Wurden sie zu einer ledigen Gebärenden gerufen, mussten sie die Abstammung des Neugeborenen ausforschen und melden. Holten sie ein behindertes Kind zur Welt, hatten sie die Mutter anzuzeigen. Ab 1310 wurde die Hebamme von der Kirche zur Taufe verpflichtet. Quelle: Internet

 

Hebamme als Beruf

Landkreis – Die Hebammenausbildung dauert in Deutschland drei Jahre und findet an einer der 58 Hebammenschulen statt. Sie umfasst 1.600 Stunden Theorie und 3.000 Stunden praktische Ausbildung. Hebammenschulen werden von einer Lehrerin für Hebammenwesen (Lehrhebamme) und einem ärztlichen Leiter geleitet. Sie sind an Krankenhäuser angegliedert. Während der Ausbildung wird Ausbildungsentgelt gezahlt. Grundlage für die Ausbildung sind die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Hebammen und Entbindungspfleger (HebAPrV) und die Europäische Richtlinie 2005/36/EC. Theoretischer und praktischer Unterricht werden in der Hebammenschule erteilt.

Die Ausbildungsinhalte sind in der HebAPrV in Anlage 1 festgelegt. Die praktische Ausbildung umfasst Einsätze im Kreißsaal, auf der Wochenstation, Neugeborenenstation, operativen und nichtoperativen Pflegestation, Operationssaal, Kinderklinik und in einer freien Praxis. Die Ausbildung endet mit der staatlichen Prüfung. Sie besteht aus einem schriftlichen, mündlichen und praktischen Teil. Bei Nichtbestehen kann die Prüfung oder der entsprechende Teil der Prüfung einmal wiederholt werden. Nach bestandener Prüfung kann die Erlaubnis zur Führung der Berufsbezeichnung beantragt werden.

Die Ausbildung befähigt insbesondere dazu, Frauen während der Schwangerschaft, der Geburt und dem Wochenbett Rat zu beraten und notwendige Fürsorge zu gewähren, normale Geburten zu leiten, Komplikationen des Geburtsverlaufs frühzeitig zu erkennen, Neugeborene zu versorgen, den Wochenbettverlauf zu überwachen und eine Dokumentation über den Geburtsverlauf anzufertigen. oh

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