Erinnerung an Dokumentarfilmer – Witwe von Gordian Troeller eröffnete das Kurzfilmfestival des Heimatvereins

Administrator  14. November 2014

Diessener KurzFilmFestival 2014

Dießen – „Gordian Troeller war ein engagierter und couragierter Mann”, erklärte Sebastian Goy gleich zu Beginn der Veranstaltung am Montagabend im Nebenzimmer des Dießener Lokals „Maurerhansl” vor voll besetztem Haus. Wie der Titel „Erinnerung an den großen Dokumentarfilmer Gordian Troeller 1917 – 2003” bereits klar macht, war die Reihe „Letzte Montage” des in Dießen ansässigen Künstlers Goy im November ganz dem Schaffen des Filmemachers Troeller gewidmet.

Anlass dafür, dass die „Letzten Montage” nicht wie üblich am letzten Montag des Monats stattfanden, hatte einen Grund: Am Dienstag begann das „Diessener Kurzfilm-Festival 2014”, die Troeller-Hommage war der vorgezogene Startschuss dafür. Dass man Gordian Troeller und seinem Werk einen ganzen Abend widmet, ist mehr als verdient. Denn der in Frankreich geborene und in Luxemburg aufgewachsene Journalist, Fotograf und Regisseur hat ein beeindruckendes Leben und Schaffen vorzuweisen.
Troeller verließ knapp 20-jährig vor Erlangung des Abiturs Schule wie Heimat, um sich auf Seite der Anarchisten am Spanischen Bürgerkrieg zu beteiligen. Hier entschied sich der stetig Kreative endgültig dafür, sein zukünftiges Werk ganz in den Dienst gegen die Unterdrückung und Ausbeutung der Ärmsten dieser Welt zu stellen.

Zur selben Zeit sollte sein Leben ein großes Abenteuer werden: Troeller floh von Spanien vor dem faschistischen Franco-Regime zurück nach Luxemburg und von dort vor den deutschen Nazis nach Portugal. Nach Ende des II. Weltkriegs wurde seine Basis Deutschland, wo er als Korrespondent verschiedener großer Zeitungen für Berichte hauptsächlich im Nahen Osten agierte.
Ab 1960 arbeitete Troeller beim Magazin „Stern”, für das er aufsehenerregende Reportagen schrieb, ab Ende der 1960-er begann er auch zu filmen, ab 1974 hatte er eine Festanstellung bei ARD bzw. „Radio Bremen”, für die er 70 Dokumentarfilme drehte, die sich nahezu ausschließlich mit sozialer Ungerechtigkeit sowie damit verbundener Verarmung speziell in der III. Welt beschäftigten. Gordian Troeller bekam für seine Arbeit bis zu seinem Tod am 22. März 2003 etliche renommierte Preise verliehen. Zwischen 1987 – 2003 war Troeller mit Ingrid Becker-Ross verheiratet, die seit 1985 Tonmeisterin bei seinen Filmen war.

Die engagierte Anfang-70erin aus Hamburg, die es sich als Witwe zur Aufgabe gemacht hat, das umfangreiche Lebenswerk ihres Gatten zu verwalten, führte am Montagabend in die Arbeit des Verstorbenen durch eine eloquente Kurz-Biographie ein, die von ihr durch launige Anekdoten aufgefrischt wurde. Im Anschluss daran wurde die 45-minütige Dokumentation „… denn ihrer ist das Himmelreich” von 1984 gezeigt, die in Bolivien bei den dort ansässigen Indios gedreht worden war.
Gezeigt wurden die Ärmsten der Armen und vor allem ihre Kinder, die trotz allen Elends um sie herum zumindest in dem Streifen fröhlich, ausgeglichen und entschlossen wirken, gerade weil sie nicht erzogen, stattdessen durch die allumfassende Gemeinschaft der Sippe beschützt werden. Nach einer 15-minütigen Pause wurde ein zweiter Film vorgeführt, der ein Jahr später, ebenfalls bei den Indios in Bolivien aufgenommen worden war. Beide Produktionen sind wertend, moralisch, meinungsbildend.

Troellers Werk als Dokument einer andern Zeit

In der heutigen Zeit erscheint es unvorstellbar, dass im öffentlich-rechtlichen TV ein derart, im besten Sinne des Wortes, voreingenommener Beitrag gezeigt würde. Gordian Troellers Werk erscheint wie ein Dokument, gelegentlich wie ein Mahnmal aus längst vergessener Zeit. Ob in jener Ära die politische Berichterstattung besser gewesen ist, sei dahin gestellt.
Aufrüttelnder und nachhaltiger als heute war sie in jedem Fall. Oder, wie Ingrid Becker-Ross am Ende der gut zweistündigen Veranstaltung als Schlusswort in die Runde warf: „Ein guter Dokumentarfilm erklärt sich durch sich selbst. Was der Betrachter mit den vermittelten Informationen anstellt, bleibt alleine ihm überlassen. Wichtig ist, dass solch ein Film ein klein wenig Licht ins Dunkel der oftmals finsteren Realität bringt.”

Gordian Troeller

Gordian Troeller (geb. am 16. März 1917 in Pierrevillers, Lothringen; gest. am 22. März 2003 in Hamburg) war ein luxemburgischer Journalist, Fotograf und Dokumentarfilmemacher. Noch vor dem Abitur verließ er Schule und Heimat, um sich auf Seiten der Linken am Spanischen Bürgerkrieg zu beteiligen. Er wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit zwei Adolf-Grimme-Preisen (1984 und 1985) und 1987 mit dem Deutschen Kritikerpreis für die Reihe „Kinder der Welt“.
Für sein Lebenswerk erhielt er 1992 die ‚Besondere Ehrung‘ des Adolf-Grimme-Preises und 2003 den Lëtzebuerger Filmpräis ‚Prix d’honneur‘ für das Gesamtwerk.

Michael Fuchs-Gamböck

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