Souverän, selbstsicher und sympathisch

Sibylle Reiter  6. September 2014

Gespür für Talent: Veranstalter Leonhard Seifert (r.) holte das erst 12-jährige Ausnahmetalent Michael Andreas Häringer zum Festival Classic nach Oberfinning. Der junge Pianist begeisterte die Konzertbesucher in der Konzertmuschel mit hinreißendem Spiel. Foto: Reiter

Finning – „Ich habe seinem großartigen Spiel zugehört, war sofort fasziniert und ich wusste, ich muss ihn engagieren. Er spielt einfach hinreißend“, sagte Leonhard Seifert, Veranstalter des Festival Classic Oberfinning. Die Rede ist von dem erst 12-jährigen Ausnahmetalent Michael Andreas Häringer. Der junge Mann ist bereits in ganz Europa unterwegs. Unzählige erste Preise bei Wettbewerben hat er schon gewonnen und im Juni das Konservatorium in Barcelona, wo er mit seiner Mutter lebt, als jüngster Absolvent in vier statt sechs Jahren mit der höchsten Auszeichnung beendet.
In Oberfinning sollte Michael in der Konzertmuschel im Wald spielen. Leider
machte im ersten Teil des Konzerts das Wetter dieses Vorhaben unmöglich, kurzerhand spielte er daher im Inneren des Nebengebäudes, wo es sehr beengt war. Nicht alle Zuschauer hatten darin Platz, manche mussten draußen bleiben, gut beschirmt, aber leider ohne Blick auf den jungen Ausnahmemusiker. Im zweiten Konzertteil wagten die Veranstalter den Umzug ins Freie in die Muschel mit der besonderen Akustik. Das ganze Hin und Her konnte aber Michael Häringer nichts anhaben: kein bisschen Nervosität war erkennbar. Er spielte befreit auf, alles ohne Noten und fand in der Pause noch Zeit für den einen oder anderen Plausch mit dem begeisterten Publikum.
Im ersten Teil des Konzerts präsentierte Michael Johann Sebastian Bach (Partita, Synfonia und Allemanda), die Sonata op. 31/2 von Beethoven und die Fantasia von Mendelssohn-Bartholdy. War das erste Stück noch etwas verhalten, so spielte er sich schon mit dem zweiten richtig warm und direkt in die Herzen der Konzertbesucher, die aus dem Staunen nicht herauskamen. Manche hatten Tränen in den Augen, so sehr berührte sie der junge Pianist mit seinem Spiel. Alles wirkte leicht und souverän. Jetzt verstand man, warum die spanische Presse Michael Häringer „kleiner Mozart“ nennt. Erstaunliche Fingerfertigkeit, außergewöhnliches musi-
kalisches Gefühl und Virtuosität zeichnen den erst Zwölfjährigen aus.
Teil 2, nun im Freien und mit einem Michael, der sein lilafarbenes Hemd mit passender Fliege gegen ein dunkelgraues Jackett getauscht hatte, bot zunächst drei Mal Chopin: Valse op. 64/2 und einige Etüden aus op 10. Dann folgte das Rondo Capriccioso von Felix Mendelssohn Bartholdy. Der junge Pianist entstammt übrigens einer sudetendeutschen Familie und ist Ur-Ur-Ur-Enkel von Franz Liszt. Von diesem scheint er eine Begabung geerbt zu haben. Dies zeigte sich, als Michael Liszts Tarantella spielte und ihm auch die kompliziertesten Läufe scheinbar mühelos von der Hand gingen. Eine eigene Komposition („Valse“) folgte zum Abschluss. Natürlich fordert das Publikum eine Zugabe, Michael spielte wieder eine Eigenkomposition, „Romanze Nr. 1“.
Die letzten Jahre waren für den begabten Pianisten nicht einfach: Vor zwei Jahren verlor er seinen Vater, der tödlich verunglückte. Seine Mutter Natalie reist mit ihm, ist beim Festival Classic dabei. „Michael spielt jeden Tag Klavier, das können zwei Stunden sein, aber auch mehr, wenn er gerade komponiert“, erzählt Natalie Häringer dem Ammersee Kurier. Aber er singt auch gern, in zwei Stimmlagen, mag Popsongs, etwa von Adele oder Pink. Und findet Zeit zum Fußballspielen. Er ist sympathisch und natürlich, Wunderkind-Allüren gibt es nicht. Schon früh hatte er Interesse an der Musik, fing im Chor an und wünschte sich ein Klavier. „Wir haben ihm ein kleines Kinderklavier gekauft“, erzählt die Mutter. Bald übertraf Michael mit seinem Spiel die Lehrerin; seit 2007 unterrichtet ihn der russische Pianist Professor Gennay Dzubenko. Im Alter von acht Jahren nahm ihn das Konservatorium Barcelona auf, wo er neben Klavier auch Gesang, Harmonielehre und Komposition studierte. Sibylle Reiter

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