Tschurangrati: Bayerisch böse Chris Filser feierte am Samstag in Schondorf mit der Farce Premiere. Von Michael Fuchs Gamböck

Michael Fuchs-Gamböck  8. November 2017

Chris Filser als August Faßnacht mit Sekretärin Fräulein Faulhaber alias Claudia Stender. Foto: Monika Kleppek

Schondorf – Als am Samstag gegen 22.30 Uhr das „Ammersee Actors“-Ensemble auf die Bühne steigt, um sich vor dem Publikum zu verneigen und minutenlange Ovationen einzuheimsen, dürften vermutlich allen 15 Mitstreitern eine Menge Steine der Anspannung vom Herzen gefallen sein. Es war Premierenabend des ersten Stücks, das die in Dießen ansässige Laienspielgruppe einstudiert hat. Ins Leben gerufen wurde die muntere Theatercombo vor gut einem halben Jahr, seither wurde an vielen Abenden eifrig geprobt, um dem Skript von Hanns-Christian Müller und Gerhard Polt, das bereits 1993 seine vielumjubelte Uraufführung feiern durfte, das nötige, dem aktuellen Zeitgeist angepasste Leben einzuhauchen.

„Tschurangrati“ nennt sich die Posse, benannt nach dem fiktiven afrikanischen Staat, in dem sie angesiedelt ist. Doch was hat ein politisch motiviertes Schauspiel, das vor rund 35 Jahren entstanden ist, mit der Moderne zu tun? Chris Filser ist der Regisseur und Initiator des Stücks, zudem in gleich vier Rollen an jenem Abend zu bestaunen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Anfang-Vierziger erklärt den aktuellen Bezug wie folgt: „Im Original geht es darum, wie Afrika über Dekaden hinweg von den Europäern geradezu Sklaven-mäßig kolonialisiert wurde. Heutzutage kommen die „Sklaven“ von einst nach Europa. Unsere Version ist in Zeiten der massiven Flüchtlingsströme aus der Dritten Welt somit die konsequente Fortsetzung des Ursprungs-Werks.“

Um 19 Uhr ist Einlass im Veranstaltungsort, dem „Gasthof Drexl“ in Schondorf, eine Stunde später beginnt der turbulente Reigen auf der Bühne. Doch zuvor bekommen die gut hundert zahlenden Besucher, die Premiere ist seit langem ausverkauft, eine dampfende Suppe vorgesetzt. Die benötigt er auch zur Stärkung für den harten Tobak – im besten Sinne des Wortes – , den er in den folgenden mehr als zwei Stunden serviert bekommt. Nachdem die verputzt ist und die Teller abgeräumt sind, sitzt der Besucher mit Hilfe eines Videoclips in einem Flieger, der ihn direkt in die deutsche Botschaft von Tschurangrati transportiert. Dort begegnet man den skurrilsten Gestalten, etwa einem Piloten aus Sachsen, einem besoffenen Touristen aus Franken, dem windigen Geschäftsmann August Fasnacht, später dem hohen politischen Besucher aus Deutschland, Dr. Leinweber (alle diese Charaktere werden übrigens von Filser mit übersprudelnder Energie verkörpert). Dazu noch die beiden leicht überkandidelten Sekretärinnen Fräulein Faulhaber (Claudia Stender) und Fräulein Obermeier (Edeltraud Beer), die sich in erster Linie um die Belange der Ehefrau /Gabi Mau) des deutschen Botschafters von Tschurangrati (Michael Sibert) kümmern soll, die unbedingt einen Friseurtermin in Europa wahr nehmen möchte. Den sie am Ende des Stücks, nach jeder Menge Irrsinn auch bekommt, sei an dieser Stelle verraten.

Ansonsten hat sich ein einheimischer Flüchtling in die Botschaft geschlichen. Fränkische Touristen bringen ihren toten Saufkumpan dorthin. Und darüber hinaus ist die Frau des Botschafters untröstlich, weil sie ihren Hund vermisst. Gab es etwa eine Entführung? Chaos allerorten – doch diese vordergründig durchgeknallte Groteske ist tatsächlich eine hinterfotzige, gelegentlich zynische, durchaus politische und immer vor allem extrem lustige Komödie. Manches in der Handlung ist etwas verwirrend, ganz in der Tradition des Bavaro-Anarchisten Herbert Achternbusch. Doch das tut dem Spaß an der turbulenten Aufführung keinerlei Abbruch. Es mag sich bei den Mitwirkenden um Amateur-Akteure handeln, doch legen diese Laien nahezu professionelle schauspielerische Fähigkeiten an den Tag.

Sie legen sich alleine schon für Überraschungsgast Hanns-Christian Müller ins Zeug, der samt Familie extra von seinem Wohnort Breitbrunn zur Premiere angereist war. „Ich wünsche dem Stück jeden nur erdenklichen Erfolg“, schwärmt er beim Gespräch unmittelbar nach Vorstellungs-Ende. „Es mag nicht perfekt sein. Doch es hat in dieser Inszenierung seinen ganz eigenen, lebendigen Charme. Genau davon lebt Theater seit jeher.“

Gespielt wird im „Gasthof Drexl“ in Schondorf, Landsberger Str. 58, Einlass 19 Uhr, Beginn 20 Uhr. Vorstellungen sind noch am 17.11., 18.11., 24.11. und 25.11., der Eintritt fürs Stück beträgt 10 Euro. Eintritt nur mit Reservierung, Vorverkauf in der VR-Bank Landsberg-Ammersee, Herrenstraße, im Computer-Centrum Dießen, in der VR-Bank Schondorf und im „Gasthof Drexl“ Schondorf statt.