Herrsching Vorreiter bei Fair-Trade-Gemeinden Ammersee Kurier macht Sommerinterviews mit Bürgermeistern aus der Region – Christian Schiller: Bezahlbarer Wohnraum fehlt

ak  16. August 2017

Dort leben, wo andere Urlaub machen – Herrschings Bürgermeister Christian Schiller ist dankbar, dieses Privileg genießen zu dürfen. Foto: Gemeinde Herrsching

Herrsching – Es sind Ferien in Bayern. Der Ammersee Kurier nimmt die ruhigere Zeit einmal mehr zum Anlass, um mit den Bürgermeistern im Verbreitungsgebiet ein Sommerinterview zu führen und sie diesmal zu weltbewegenden Themen zu befragen. Ines Bscheid hat mit Herrschings Bürgermeister Christian Schiller (parteilos) gesprochen.

Ammersee Kurier: Ressourcen nachhaltig und umweltfreundlich zu nutzen ist Grundlage für deren Erhalt. Auch Kommunen haben Möglichkeiten, entsprechende (geförderte) Maßnahmen zu ergreifen. Um welche handelt es sich in Ihrer Gemeinde?

Christian Schiller: Für uns steht im Vordergrund Herrsching durch verschiedene Projekte im Rahmen der Städtebauförderung eine stabile Zukunft bieten zu können und auf nachhaltige Entwicklungen der Siedlungsstrukturen zu setzen. Dabei ist der Umweltschutz unserer einzigartigen Seenlandschaft mit ihren sensiblen Flächen ein Kernziel und im Leitbild Herrschings fest verankert und trägt unter anderem zu einer umweltfreundlichen, standortgerechten Gewerbestruktur in Herrsching bei.

Eine neue Statistik zeigt: Der Weg zur Arbeit wird länger, die Pendler werden mehr. (Wie) Wirkt Ihre Gemeinde dagegen?

Wir bemühen uns, für unsere Bürger Arbeitsplätze vor Ort zu schaffen und zu erhalten. Wir bieten Firmen einen Anreiz zur Investition und zur gezielten Förderung. Besonders für vorhandene Infrastruktur und ungenutzte Flächen. Ziel muss es sein, vorhandenes Potenzial zu nutzen, ohne neue Grünlandflächen zu versiegeln.

In diesem Jahr feiert das Fahrrad 200. Geburtstag. Steigen Sie bewusst um, um den Schadstoffausstoß zu drosseln?

Wir haben in unserer Gemeinde nicht gewartet, bis das Rad neu erfunden wird und seinen 200. Geburtstag feiert, sondern unsere Gemeinde nutzt schon seit langem Fahrräder als Dienstfahrzeuge. Und wenn es noch etwas schneller gehen muss, haben wir hier in Herrsching auch noch Dienstautos mit Elektromotor. Am S-Bahnhof bieten wir für unsere Pendler spezielle Rad-Boxen an.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung sagt, dass im Jahr 2035 gegenüber heute 24.100 Lehrer an Grundschulen fehlen. Damit einher gehen soll auch eine Raumnot. Entwickeln Sie ein Konzept dagegen oder muss in der Grundschule mit größeren Klassen gerechnet werden?

Bereits 2008 hat die Gemeinde Herrsching auf die steigenden Schülerzahlen und den damit einhergehenden Raummangel reagiert: Die Christina-Morgenstern-Volksschule wurde um einen Erweiterungsbau in Höhe von 2,4 Millionen Euro ergänzt. Nun wird erneut für knapp drei Millionen Euro ein Erweiterungsbau realisiert, der zu Beginn des Schuljahres 2018/19 bezogen werden kann. Jetzt soll es im Norden einen Neubau geben, den unsere Architektin Claudia Schreiber optisch an das Bestandsgebäude anpasst. Im Untergeschoss hat sie zwei Computerräume und ein Klassenzimmer vorgesehen. Im Erdgeschoss finden drei Klassen und ein Nebenraum Platz und in das Obergeschoss kommen drei Klassen sowie ein Sprech- und Erste-Hilfe-Zimmer. Die Innenwände sollen in Leichtbauweise errichtet werden, so kann die Raumaufteilung später noch geändert werden. Insgesamt soll der Neubau 36 Meter lang und acht Meter breit werden.

Frieden und Gleichgewicht geraten global aus den Fugen. Fundamentale Menschenrechtsprinzipien werden in Frage gestellt. Wie können auf lokaler Ebene die Rechte und Werte der Demokratie verteidigt werden?

Als erste Gemeinde in Oberbayern hat Herrsching alle Kriterien der internationalen Kampagne Fair-Trade-Towns erfüllt und ist seit dem 16. Juni 2010 offiziell als Fair-Trade-Gemeinde anerkannt. Damit gehört die Ammersee-Gemeinde zu über 800 Städten und Gemeinden weltweit, die diesen Titel tragen – darunter London, Rom, Brüssel und San Francisco. Im Rahmen der Herrschinger Lokalen Agenda 21 befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen unserem Lebensstil und den globalen ökologischen und sozialen Problemen. Unser besonderes Augenmerk gilt der Durchsetzung sozialer und ethischer Standards in Produktion und Handel, öffentlicher Beschaffung und privatem Konsum. Besonders setzen wir uns für die Verbreitung von Produkten aus Fairem Handel ein. Wir wollen die Bürger unserer Gemeinde davon überzeugen, dass jeder durch einen nachhaltigen Lebensstil und durch ziviles Engagement einen Beitrag zu einer gerechteren und zukunftsfähigen Welt leisten kann. Wir unterstützen damit auch unsere Partnergemeinde in Chatra in Indien.

Bereits in Kindergärten wird dem Nachwuchs ein Mitbestimmungsrecht eingeräumt. Damit wird im Kleinen Demokratie eingeübt. Erwachsene machen in der Region häufiger von Bürgerbegehren Gebrauch und nehmen den örtlichen Gremien somit Entscheidungen aus der Hand. Wie beurteilen Sie diesen Trend?

Ich stehe dem Trend zum Bürgerbegehren durchaus positiv gegenüber. Es ist ein wichtiges demokratisches Instrument, Mitbürger vor Entscheidungen zu stellen und auch Entscheidungen treffen zu lassen. Auf diese Weise bekommt der Bürger einen Einblick, wie schwer es sein kann, Pro und Contra abzuwägen und dann tatsächlich die in dieser Situation bestmögliche Entscheidung treffen zu können. Die Mitglieder des Gemeinderates tun dies fast wöchentlich.

In der Verwaltung werden Sie von einem starken Team unterstützt. Personell hat sich in der Vergangenheit in den Kommunen einiges geändert. Wie kommen Sie mit dieser Situation zurecht?

Ich habe das Glück, mit einem wirklich tollen und engagierten Team zusammen arbeiten zu dürfen, das mir in jeder Hinsicht den Rücken stärkt und mich unterstützt. Wir haben eine Fluktuation von unter zwei Prozent – das spricht für sich. An dieser Stelle kann ich nur Danke sagen, und wir werden uns gemeinsam weiterhin bemühen, einen guten Job im Sinne unserer Bürger zu machen.

In Ihrer Gemeinde sind Asylbewerber untergebracht. Wie stellt sich die aktuelle Situation dar? Gibt es genügend Wohnraum für anerkannte Flüchtlinge?

Nein, es gibt nicht genug Wohnraum, vor allem nicht genug bezahlbaren Wohnraum. Weder für Flüchtlinge noch für sozialschwache Familien. Bezahlbaren Baugrund in einer akzeptablen Lage zu finden, ist praktisch unmöglich geworden. Von 14 Gemeinden wurden gerade einmal fünf Flächen für insgesamt einhundert Wohneinheiten ausgewiesen. Was das bedeutet, brauche ich nicht zu erklären. Es ist traurig, dass die Regierung die Kommunen nicht mehr unterstützt und buchstäblich im Regen stehen lässt.

Derzeit befinden sich viele Bürger im Urlaub. Nutzen Sie die Zeit ebenfalls zur Entspannung? Wie machen Sie in diesem Jahr Urlaub?

Meine Frau und ich werden einen Teil des Urlaubes hier verbringen und uns ein paar schöne stille Flecken zum Entspannen suchen. Wir leben ja zum Glück schon da, wo andere Urlaub machen und sind sehr dankbar dieses Privileg genießen zu dürfen.