Gnadenhochzeit: Erfülltes Leben Das Uttinger Ehepaar Lieselotte und Ludwig Holz ist seit siebzig Jahren verheiratet

Dagmar Kübler  16. August 2017

Das Ehepaar Holz freut sich über 70 gemeinsame Jahre. Das von Ludwig Holz selbst gefertigte Windspiel erscheint wie ein Symbol für die langjährige Ehe. Foto: Kübler

Utting – Vorgestern vor siebzig Jahren haben sich Liselotte und Ludwig Holz aus Utting das Ja-Wort gegeben. 89 und 94 Jahre alt sind die beiden, und wer ihnen begegnet stellt fest, dass die Jubilare noch gut in Schuss sind – und auch die Ehe! 70 gemeinsame Jahre, darauf können nur wenige Paare zurückblicken. Da muss die Gesundheit stimmen, um überhaupt in den Genuss eines so hohen Alters zu kommen. Die Zuneigung muss bestehen bleiben, die Wertschätzung. Gemeinsame Interessen sind zu suchen und zu bewahren, aber auch eigene Hobbies und Vorlieben.

Die Mischung macht’s, Nähe und Distanz, so scheint es, sind der Schlüssel zu langjähriger Partnerschaft. Beim Ehepaar Holz stimmt die Chemie, das merkt man sofort. Wenn einer erzählt, ist der andere still, hört zu. Beim Fotoshooting an verschiedenen Plätzen im regennassen Garten haben die beiden viel zu lachen – schaut man sich jetzt lieber an oder in die Kamera? –, bei so viel spontaner guter Laune ist ein „Cheeeese” des Fotografen gar nicht notwendig.

Das Leben hat es gut gemeint mit dem Ehepaar Holz. Zwei Kinder, Wolfgang und Walter, sind aus der Ehe hervorgegangen, und am Hochzeitstag war immer schönes Wetter, wie Lieselotte Holz schmunzelnd sagt. Beide stammen aus Obermenzing. Nach dem Zweiten Weltkrieg, an dem Holz als Leutnant Offizier teilnahm, lernten sie sich kennen. Die Sitten waren damals noch streng. So durfte die 18-jährige Lieselotte nur zusammen mit ihrer älteren Schwester ausgehen. Schnell funkte es zwischen den jungen Leuten, sie entdeckten ihre erste gemeinsame Leidenschaft, das Bergwandern. Während Lieselotte im elterlichen Fotogeschäft eine Ausbildung machte, absolvierte Ludwig den einjährigen Abiturientenlehrgang zum Lehrer. „Die Vorlesungen fanden damals im Kinosaal statt”, erinnert er sich. Es herrschte Lehrermangel, denn Lehrer mit Parteizugehörigkeit hatten ihren Platz räumen müssen. So folgte schnell die erste Anstellung als Lehrer in Oberhausen, nördlich des Staffelsees. Die Lehrerwohnung, ohne Bad und fließendes Wasser, kostete damals monatlich rund 7 D-Mark, bei einem Verdienst von 200 D-Mark.

Geheiratet hat das Paar 1947, im geliehenen Brautkleid, das Fest wurde mithilfe der Lebensmittelmarken bestritten, für die Heirat gab es eine extra Portion Milch, erinnert sich Lieselotte. Nach dem zweiten Staatsexamen zog das Paar nach Weil in eine Dreizimmerwohnung – mit Bad. Dort war Holz 14 Jahre lang Schulleiter und ab 1966 bis zum Ruhestand mit 61 Jahren Rektor an der Grund- und Hauptschule in Utting. „Das waren paradiesische Zeiten”, schwärmt Holz, der mit Leib und Seele Lehrer war. Damals waren zirka 450 Kinder an der Schule. Mathe, Physik und Sport waren seine Lieblingsfächer. Schüler aus 17 Klassen hat er eine Zeit lang durchs Leben begleitet, noch heute freut er sich, wenn er ehemalige Schüler trifft.

28 Länder bereist

Seit 51 Jahren wohnt das Ehepaar Holz nun in Utting. 1969 wurde gebaut, damals kostete der Quadratmeter Bauland noch 45 D-Mark. Haus und Garten sind genauso in Schuss wie die Bewohner. Gartenarbeit ist die Domäne von Lieselotte, Sohn Wolfgang übernimmt dabei die schweren Arbeiten. Uttinger wissen jedoch: Lieselotte trifft man am besten beim Schwimmen am Ammersee. Ab 18 Grad Wassertemperatur ist sie bei gutem Wetter dort bereits früh morgens anzutreffen – und am Nachmittag nicht selten noch einmal. Immer ist sie mit dem Fahrrad unterwegs, weil es in Utting auch mal bergauf geht, ist es mittlerweile ein E-Bike. „Immer in Bewegung bleiben”, ist die Devise des Ehepaars. Noch mit 83 Jahren ging Ludwig mit Sohn Walter auf mehrtägige Bergtouren. Die große Leidenschaft der beiden Jubilare aber war das Reisen. „30 Jahre lang waren wir jedes Jahr über 100 Tage unterwegs”, hat Ludwig errechnet und zeigt stolz die Landkarte, auf der er alle Reiserouten eingezeichnet hat. Insgesamt 28 Länder, ganz Europa, aber auch Aleppo, Bagdad und Damaskus hat das Paar gesehen – mit Ausnahme von England, wegen dem Linksverkehr, scherzt Ludwig – zumeist mit dem Wohnmobil, aber auch mit Busreisen. Auch lange Radtouren, zum Beispiel entlang der Donau bis in die Wachau, standen auf dem Programm. Aus gesundheitlichen Gründen wurden die Reisetage seit zirka drei Jahren weniger, und das abenteuerlustige Paar besinnt sich nun gerne auf die Schönheit der Region und die Annehmlichkeiten von Heilbädern. Wer auf ein so erfülltes gemeinsames Leben blicken darf, ist dankbar. Und dennoch: die Freunde fehlen. Die allermeisten sind seit langem verstorben. Gleichaltrige gibt es kaum noch. Das Studieren von Todesanzeigen in der Zeitung gehört zur täglichen Routine. So wird heute im kleinen Kreis gefeiert und mit Zuversicht und Neugier auf die kommenden Jahre geblickt. Bevor der Besuch bei Familie Holz zu Ende geht, führt der Weg noch in den Keller: Dort steht das Steckenpferd von Ludwig – die Eisenbahn. Ehemals entstanden auf einer Tischtennisplatte, mittlerweile ausgeweitet auf vier Ebenen, füllt sie fast den gesamten Heizungskeller. Ludwig setzt die Schaffnermütze auf, Lieselotte blickt ein wenig verlegen – mit 94 ist der Mann eben immer noch ein Lausbub.