„Geschichte an Öffentlichkeit bringen“ Susanne Maslanka und Sophie Rathke über das Schicksal der Zwangsarbeiter in Utting

ak  21. Juli 2017

Die Uttingerin Susanne Maslanka (r.) und ihre Kommilitonin Sophie Rathke haben sich im Rahmen ihres Studiums mit der Geschichte des „KZ-Außenlagers Kaufering X“ in Utting auseinandergesetzt. Foto: Anton

Utting – In Utting entstand ab 1944 eines der elf Außenlager des Konzentrationslagers Dachau, in denen hauptsächlich jüdische Zwangsarbeiter aus Litauen gefangen gehalten wurden. Ungefähr die Hälfte der 30.000 Insassen aus Utting und Umgebung kamen innerhalb von neun Monaten durch Krankheit, Hunger und harte Arbeit qualvoll ums Leben. Ein jüdischer Friedhof sowie zwei Mahnmale erinnern heute in Utting an das Geschehene. „Am ehemaligen Lagergelände zwischen Utting und Holzhausen sind jedoch weder eine Informationstafel noch ein Lageplan des KZ zu finden”, so Susanne Maslanka.

Die Uttingerin hat sich mit ihrer Kommilitonin Sophie Rathke im Rahmen ihres Studiengangs Osteuropastudien an der LMU, mit der Geschichte des „KZ-Außenlagers Kaufering X”, auseinandergesetzt. Der Fokus liegt dabei auf dem Schicksal der Zwangsarbeiter. Ihre Forschungsergebnisse haben die beiden am Samstag in Utting präsentiert. Das Interesse war groß, fünfzig Zuhörer kamen im Gemeindehaus der Evangelischen Kirche, darunter auch Zeitzeugen. „Unsere Idee war die Geschichte mehr an die Öffentlichkeit bringen”, so Maslanka. Die Studentinnen verbrachten fünf Monate mit der Forschung und etwa genauso lange, um eine Internetseite zu erstellen, auf der man die zusammengetragenen Informationen bereits seit November 2015 abrufen kann.

„In Litauen begann 1941 die Vernichtung der Juden unter deutscher Herrschaft, rund 138 000 von 200 000 Juden wurden getötet. Die wenigen, die überlebten, haben eine schreckliche Verschleppung durchgemacht”, berichtet Maslanka. Einer davon war Jakob Ben Feinstein. Die beiden sprachen mit der Witwe des Überlebenden, die heute in München wohnt. Jakob Ben Feinsteins damalige Frau und Kinder wurden 1941 im Ghetto Kaunas erschossen, während er gerade Zwangsarbeit leisten musste. Der Goldschmied wurde in das Konzentrationslager Stutthof umgesiedelt und später wie viele andere in die Außenlager des Konzentrationslagers Dachau, zu dem auch Utting gehörte.

Auch die Überlebenden Davi Ben Dor, Solly Ganor, („Das andere Leben”) und Abba Naor („Ich sang für die SS”) teilen das gleiche Schicksal. Sie schrieben ihre Erfahrungen auf und veröffentlichten sie. Zudem besuchen sie regelmäßig Schulen, wie zum Beispiel in Weilheim. Ihre Berichte dienten den beiden Studentinnen als wichtige Quellen für ihre Recherche.

Bei ihrer Ankunft im KZ Utting mussten die Häftlinge Löcher ausheben, darüber wurden Dächer errichtet. In diesen zugigen, feuchten Erdhütten schliefen je 50 Insassen auf Stroh zusammengepfercht- auch im Winter, so die Studentinnen. 650 Menschen waren gleichzeitig im Lager. „Die dünnen Jacken waren starr vor Dreck, die Läuse, die sich rasend schnell vermehrten wanderten von Körper zu Körper und übertrugen Typhus”, zitierte Maslanka eine Bericht des Überlebenden Abba Naor. Der Tag im Uttinger KZ begann für gewöhnlich um fünf Uhr morgens mit einem Zählappel. Bei diesem Appel wurden Insassen zusammengeschlagen und auf Goldzähne untersucht. Danach arbeiteten die Gefangen zwölf Stunden täglich, u.a. für die Baufirma Dyckerhoff & Widmann. Die KZ-Häftlinge mussten von der Kiesgrube, die östlich der Straße nach Dießen lag, Schienen bis auf das Fabrikgelände verlegen; die fertigen Beton-Teile wurden dann mit der Ammerseebahn bis Kaufering und Landsberg transportiert. Zudem wurden die Gefangenen direkt für den Bau eines Bunkers mit Decknamen „Weingut II” in der Nähe von Landsberg am Lech eingesetzt.

Der Überlebende Naor berichtet davon, wie er mit anderen abgemagerten Inhaftierte durch Utting gegangen ist. Sie hätten vor Hunger Schnecken aufgesammelt und Gräser gegessen. Einige Bewohner hätten ihnen Nahrung zugesteckt. Helga Noll aus Utting erzählte am Samstag von dem Erlebnis ihrer Schwiegermutter, die zu der Zeit selbst kaum etwas zu essen gehabt hätte. Als sie den unterernährten Zwangsarbeiter einen Apfel über den Zaun geworfen habe, hätte er immer wieder „Danke, Frau!” gesagt. Das hätte ihre Schwiegermutter nie vergessen können.

Als Jakob Ben Feinstein sieben Monate nach Kriegsende Utting besuchte, fragte er Menschen auf der Straße nach dem Ort des ehemaligen KZ. Die Leuten antworteten, dass sie nichts von einem Lager wüssten. „Niemand wollte etwas gehört oder gesehen haben”, so Feinstein. In den 50er und 60er Jahren verlief der Durchgang zum Friedhof durch einen Schrottplatz. Der Besitzer stellte ein „Zutritt Verboten”-Schild auf. Daraufhin schrieb ein Angehöriger eines Verstorbenen an den Landesverband der israelitischen Kultusgemeinde. „Doch es geschah nichts”, berichtet Rathke. Erst 1974, zwei Jahre nachdem eine zweite Beschwerde über den Friedhof eines Angehörigen eingegangen ist, wurde ein öffentlicher Zugang mit Parkplatz geschaffen und die Pflege des Friedhofes gesichert. Heute ist die Stiftung Gedenkstätten für den Friedhof zuständig, auf dem 27 Menschen begraben liegen. Anstatt der Tafel „Judenfriedhof” steht heute ein Schild mit der Aufschrift „Jüdischer KZ-Friedhof”.

Auf der Seite www.muenchner-leerstellen.de finden sich auch Informationen zu den weiteren Außenlagern.

Miriam Antonv