Heimat – eine philosophische Betrachtung Alois Kramer denkt über das Koordinatensystem eines essentiellen Begriffs nach – Teil 2

Alois Kramer  30. Juni 2017

„Spaziergang“. Der Beitrag der in Schondorf arbeitenden Künstlerin Gabi Becker. Foto: Maren Martell

Sie lesen im Folgenden den 2. Teil der leicht gekürzten Fassung eines Vortrages, den der Journalist und Philosoph Alois Kramer zur Eröffnung der Kunstausstellung des Regionalverband Bildender Künstler Oberbayern West e. V. (RBK) in Holzhausen am Sonntag gehalten hat.

Treten wir einen Schritt zurück und schauen auf unsere eigenen Biographien. Die Schönheit meiner Heimat, des Allgäus, bemerkte ich in meiner frühen Kindheit, sog den Duft von Heu ein und fand den Schnee im Winter auf unseren Hügeln großartig, ohne zu wissen, dass ich über meine Heimat urteilte. Erst im Internat merkte ich, dass wir Jungen alle verschiedene Heimaten hatten.

Vermittelt wurde dieses erste Kennenlernen von Heimat auch durch Heimatfilme der 50er Jahre. Lächelnde Schauspielergesichter in herrlicher Berglandschaft im Kino übertrugen eine heitere Stimmung auf die Zuschauer. Wie schön ist unser Vaterland, war die Botschaft! Arbeiten und Aufbauen der Subtext.

Das Fernsehen machte dem klassischen Heimatfilm à la Ganghofer den Garaus. Dieser Herausforderung begegneten die Produzenten mit einem neuen Produkt: Dem sexualisierten Heimatfilm. Leuchtende Berge und erfrischende Seen waren angesichts einer Welt, deren Mittelpunkt Swinging London bildete, nur noch mit großen Busen und geilen Böcken zu ertragen. Unsägliche Titel wie „Wo der Wildbach durch das Höschen rauscht“ aus dem Jahr 1974 und „Liebesgrüße aus der Lederhose“, produziert ebenfalls 1974, würden heute niemals mehr auf Plakaten erscheinen dürfen. Sie fielen zurecht der Zensur zum Opfer.

Ihre eigene Heimat fanden die meisten Intellektuellen der 68er-Generation in Deutschland spießig. Die suchten sie nicht im Hunsrück. Sie kannten sich in der Toskana und in Südfrankreich besser aus als dort, wo sie herkamen. Heimat war durch die Nazis vergiftet.

Wieder gab es einen Wandel im Heimatbegriff. Zu Beginn der 80er Jahre bekannten wir uns zu den Schönheiten Niederbayerns, Oberbayerns oder des Allgäus. Wir entdeckten unsere Heimat wieder. Zaghaft begannen Musikgruppen ihre Texte in Deutsch oder im heimischen Dialekt zu singen. Als Protagonisten von Heimat erscheinen nun Haindling oder Georg Ringsgwandel, die Jahre benötigten, um sich auf den Bühnen mit ihren in bayerisch gesungenen Songs zu etablieren.

Heute denkt sich kaum jemand etwas dabei, wenn er von „Heimatsound“ oder „Heimatfestival“ spricht. Der Begriff scheint komplett gereinigt und unbelastet zu sein. Hier in Utting-Holzhausen sprachen und sprechen sich viele Bewohner aus „Heimatschutzgründen“ gegen das geplante Polizeibootshaus aus. Auch das bayerische Fernsehen springt fröhlich auf den Heimatzug auf. Mit Eigenanzeigen versucht der Sender eine bayerische Identität herzustellen, als deren Protagonist er sich selbst sieht: „Ich bin der Franz und hier bin ich daheim“ lächelt ein junger Mann aus Würzburg uns an. Schließlich gibt es da noch die identitätsstiftende Serie „Dahoam is Dahoam“, eine Soapopera wie die Lindenstraße. Vor einigen Wochen hatte diese kreuzbrave Serie einen ernsten Widersacher in der Serie Hindafing. Der Hauptakteur ist ein Kokain schniefender Bürgermeister eines kleinen bayerischen Nestes. Heimat ist also mehr als nur fesche Burschen und Madeln.

Kulturhistorisch gesehen, tritt der Ausdruck „Heimat“ bereits in der griechischen Antike im 8. Jahrhundert v. Chr. auf. Es ist der wendige, polytrope Odysseus, der zehn Jahre nach dem Fall von Troja auf dem Mittelmeer von einem Abenteuer ins andere schlittert. Sein Sehnsuchtsort ist Ithaka, wo sein Palast steht und wo seine Frau und sein Sohn auf ihn warten. Immer hatte er den „Noston Etairon“ im Blick: Seine eigene Heimat und die seiner Gefährten. Der Name „Nostalgie“ kommt übrigens daher, denn er bezeichnet ursprünglich die schmerzliche Sehnsucht nach der Heimat.

Wer aufmerksam über den Heimatbegriff nachdenkt, wird feststellen, dass Heimat sich besonders dadurch auszeichnet ein Gefühl zu sein, das sich an andere Gefühle anschließt. Es ist wie in dem berühmtesten Roman, der sich mit Erinnerung an die Kindheit und die Jugend beschäftigt: „Die Suche nach der verlorenen Zeit“. Nur ein Bissen in die in Lindenblütentee aufgeweichte Madeleine lässt den Romanhelden von Marcel Proust in seine Kindheit des fiktiven Ortes Combray zurückkehren.

Die ersten Prägungen frühkindlicher und kindlicher Zeit sind die stärksten. Heimat wird erst durch die Unterscheidung zum Begriff. Wir merken, dass wir nicht zuhause sind, dass wir in einer fremden Umgebung wohnen, dass die Menschen vielleicht anders sprechen, als wir es gelernt haben. Heimat hat ein ausgrenzendes und verbindendes Moment. Meine Heimat unterscheidet sich von Deiner Heimat, meine Heimatgefühle sind stärker als Deine, weil meine Heimat einen höheres Ansehen als Deine hat. Wer die Ammerseeregion als seine Heimat bezeichnet, gibt sich vielleicht schon ein hervorstechendes Merkmal.

Heimat, das ist der philosophische Kern des Themas, hat etwas mit Personaler Identität zu tun. Heimat ist in gewisser Weise ein erweitertes Ich. Erst durch den Umgriff des Raumes und die Sozialität, in denen wir leben, werden wir zu dem, was wir sind. Wir sind und bleiben ein „zoon politikon“, ein Lebewesen, das in der Polis, die sich um den Oikos bildet, zuhause ist.

Erinnerung und Gegenwart decken sich manchmal nicht

Gottseidank, das ist die Folge des neugewonnenen Heimatbegriffs, wird jemand, der aus dem bayerischen Wald stammt, nicht mehr als hinterwäldlerisch oder provinziell beschimpft. Heimat können auch die Erzählungen der Thora sein, die ein gläubiger Jude in sich trägt. Wir sprechen hier von einer spirituellen Heimat. Wer nach langer Abwesenheit seine Heimat wieder einmal besucht, kann durchaus in Verlegenheit kommen. Seine Erinnerung deckt sich nicht mit der Gegenwart. Der große Philosoph Ernst Bloch bezeichnet Heimat als einen Ort, zu dem wir ständig unterwegs sind und vielleicht nie erreichen. Martin Heidegger bezeichnet die Sprache als das Haus, als die Heimat des Denkens. Heimat hat zunächst keine politische Dimension, kann aber sehr wohl politisch oder kommerziell instrumentalisiert werden kann.

Was hat das alles mit Kunst zu tun? Auch für Künstler stellt sich die Frage nach der Heimat. Kunst schafft nicht nur Porträts oder Landschaften. Der Regionalverband Bildender Künstler hat das Thema Heimat aufgenommen und kreativ umgesetzt. Sie werden in dieser Ausstellung nicht nur die Komplexität des Heimatbegriffs erkennen, sondern auch seine individuelle Komponente. Jeder Künstler hat einen eigenen Zugang zu diesem Begriff. Gerade das macht die Vielzahl der Ansätze spannend.

Hier in Holzhausen hat der Betrachter die Möglichkeit, seinen eigenen Heimatbegriff wiederzufinden, zu reflektieren und kritisch zu durchleuchten. Sehen Sie in den Arbeiten hier nicht nur das, was Ihnen ihre Augen zeigen, sondern versuchen Sie nachzuspüren, was Ihnen die Künstler noch sagen wollen. Ich wünsche Ihnen bei dieser Entdeckungstour viel Vergnügen und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.