Alle tragen den Namen Mensch Frauenbund diskutiert in Dießen Fremdsein und Dazugehören

Beate Bentele  30. Juni 2017

Die Podiumsrunde im Traidtcasten mit Diakon Ralf Eger, Anwältin und DDR-Flüchtling Ines-Andrea Seemüller, Moderatorin von RT 1 Susanne Zehentbauer, Regen Debesay, Flüchtling aus Eritrea, Celia Cardoso-Niedermeier und Dr. Thomas Raff vom Heimatverein Dießen (v. l.). Foto: Bentele

Dießen – Völkerwanderungen sind so alt wie die Menschheit. „Gerade wegen seiner zentralen Lage in Europa war Deutschland im Lauf der Geschichte immer wieder Drehscheibe, Durchzugsgebiet und Handelsroute vieler Völker. Es wurde – und es wird – von Menschen durchquert, bereist, besiedelt und verlassen.“ Margit Uhr, Bildungsreferentin vom Diözesanverband Augsburg im Katholischen Deutschen Frauenbund (KDFB) brachte es auf den Punkt, „dass unsere Gesellschaft bunt und vielfältig ist.“ Zusammen mit der KDFB Diözesanvorsitzenden Mechthilde Lagleder eröffnete sie im Dießener Traidtcasten eine Podiumsdiskussion, die „Fremdsein“ und „Dazugehören“ fokussierte mit dem Ziel, dass sich in einer aufgeklärten Gesellschaft Menschen mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen und Traditionen im friedlichen Miteinander begegnen mögen.

Trotz hochsommerlicher Hitze fanden – vorwiegend aus dem Frauenbund Bezirk Dießen – Menschen den Weg ins Kirchenzentrum, denen ein Miteinander der Kulturen am Herzen liegt. Passend dazu wehte im Traidtcasten eine Fahne, die das Motto der Veranstaltung trefflich vorgab: „Alle tragen den Namen Mensch“. Susanne Zehentbauer von Radio RT 1 (Augsburg) lud ihre Podiumsrunde ein, spontan ihre persönlichen Heimat-Gedanken zu formulieren.

Für Dr. Thomas Raff vom Heimatverein Diessen ist es klar: „Heimat, die man gewinnen will, ist spannend.“ Ralf Eger, Flüchtlingsbeauftragter des Bistums Augsburg: „Menschen, die keine Heimat haben, leiden.“ Ines-Andrea Seemüller, einst DDR-Flüchtling, heute Rechtsanwältin die nach 13 Fluchtversuchen aus der DDR ausgewiesen wurde: „Als Kind im heimischen Kirschbaum herumturnen – das ist und war für mich Heimat.“

Ein Held

Celia Cardoso-Niedermeier, vor 30 Jahren von Brasilien nach Windach (Landkreis Landsberg) übersiedelt, sagt deutlich: „Meine Heimat ist Windach – aber wo anders in Deutschland bin ich Touristin.“ Für Regen Debesay, dessen über ein Jahr währender Fluchtweg aus Eritrea in Windach endete, und der sich schwertat, seinen Heimatgedanken zu formulieren, übernahm Celia das Wort: „Für mich ist Regen ein Held.“

Ein Held deshalb, weil der heute 20-jährige auf der Flucht Wüsten durchquerte, auch auf dem Meer eine Strecke zurücklegte. Wiederholt ist er von Schleppern aufgegriffen worden, die ihm seine Dollar-Ersparnisse abnahmen. In seiner Heimat, vom wohl schlimmsten Militärdruck der Gegenwart geprägt und auch ein Jahr im Gefängnis gesessen, hat er seine Familie zurückgelassen, „weil in Deutschland die Menschenrechte eingehalten werden.“ Außerdem gäbe es in Deutschland alles, was ein Mensch braucht: „Ich möchte studieren und arbeiten.“ Bisher habe er schon handwerklich gearbeitet und er sei dankbar, im Helferkreis in Windach angekommen zu sein.

Celia Cardoso-Niedermeier, die bekannt ist für ihre Aktionen (Eine-Welt-Laden, Hilfswerk für hungernde Kinder in Brasilien …) erzählte, dass sie ihre Heimat nicht verlassen wollte. Auf einer Schiffsfahrt gab es Pannen, so dass die Reise länger dauerte als geplant, „da lernte ich meinen späteren Mann, einen Windacher kennen.“ In dem damals noch bäuerlich geprägten Windach sei sie vor dreißig Jahren als Brasilianerin überaus liebenswürdig empfangen und aufgenommen wurde. „Es war eine andere Zeit, es war eine andere Ethik.“ Weil ihre Hilfswerke heute gut gesättelt sind, „kümmere ich mich jetzt um Flüchtlinge, die es sehr schwer haben.“

Auch Diakon Ralf Eger pflichtete bei, dass die jungen Männer vor allem jene aus Eritrea „einer der härtesten Militär-Diktaturen der Welt oft ein Leben lang nicht auskommen – da suchen sie lieber das Heil in der Flucht.“ Täglich höre er viele grausame Schicksale, die Menschen haben Angst und wagen es gar nicht, alles zu berichten, was ihnen angetan wird. „Deshalb hat unser Bischof Konrad gesagt, ‚Flüchtlingsarbeit geht uns alle an. Wir müssen unseren Beitrag dazu leisten‘.“ Letztlich sei Papst Franziskus unsere Motivation, der auffordert, die Fremden mögen wir behandeln, wie uns selbst.

Beim Rückblick in die hundertjährige Vereinsgeschichte des Heimatvereins fasste Thomas Raff zusammen, dass der Verein die heimische Kultur und Tradition bewahre und weiterentwickle in die Zukunft. Es gäbe viele Vereinsmitglieder, die außerhalb ihrer Aktivität im Heimatverein sich der Flüchtlingsarbeit widmen. Auf die Frage der Moderatorin, ob er in fremden Ländern, wo er als Reisebegleiter hinkommt, auch ein Fremder ist, antwortete Raff: „In die meisten Regionen, wo ich Gruppen hinführe, komme ich öfter.“

„Mit dem Kopf durch die Mauer“ lautete der Filmbeitrag, in dem Ines Andrea Seemüller über ihre Fluchterfahrung aus der DDR berichtete, die sie als Kind zusammen mit ihren Eltern erlebte: „Unsere Sehnsucht nach Demokratie und Freiheit war so groß, dass wir die Gefahren in Kauf genommen haben.“ Sie appellierte an die Anwesenden, sich immer wieder bewusst zu machen, Werte wie Freiheit zu schätzen, zu schützen und zu verteidigen. Eine beeindruckende Veranstaltung, die mit vielen Gesprächen beim Kaffee endete. Letztlich zitierte Margit Uhr noch Luise Kinseher als Mama Bavaria beim Nockherberg 2016: „Ich erwarte als Eure Mutter, die Euch auch die Mitmenschlichkeit und die Liebe mitgegeben hat, dass Ihr es nicht verlernt, auf das Schicksal jedes einzelnen Menschen zu blicken, damit er nicht in Eurem unbarmherzigen Wald aus Polemik und Statistik zugrunde geht.“