Musik pur: Sopran und Kontrabass Le Bang Bang gab ein faszinierendes Konzert im Dießener Augustinum

ak  17. März 2017

Die ebenso exakt wie leicht klingenden Interpretationen erhielten ihre volle Wirkung noch durch eine eigene Tonanlage. Foto: Frey

Dießen – Jazz nur mit einer Stimme und einem Kontrabass: diese sparsame Paarung mag auf den ersten Blick wie schmale Kost klingen, doch Bassist Sven Faller und Sängerin Stefanie Boltz verfügten über eine derart große Intensität in ihrer Gestaltung, dass die Dichte der Songs stets überzeugte.

Im „Augustinum Ammersee“ sei man zwar kein Jazzclub, aber „Le Bang Bang“ habe schon letzthin bei einer Veranstaltung in Dießen viele Fans gewonnen, meinte Augustinum-Veranstaltungsleiterin Sabine Cichowski. So also erfolgte die Einladung für einen neuerlichen Auftritt am Freitagabend, dem freilich nur eine übersichtliche Zahl von Jazzfans Folge leistete.

Schade, denn die Musik konnte weitgefächert überzeugen, schon allein durchs Repertoire, das weit über Jazzstandards hinausreichte. Da wurde sogar beim jungen Michael Jackson „geräubert“, der als Kind mit seinen Geschwistern, den „Jackson Five“, einen Funk-Hit mit „I want you back“ hatte. Hier nun wird bei Stefanie Boltz aus dem Gesang ein Hauch, eine Liebeserklärung mit der ganzen Mystik der Stimme: „I was blind to let you go.“ Zum leicht exotischen Silbengesang im Intermezzo gibt Kontrabass dann mehr dazu als nur den Rhythmus, denn Sven Faller vermag melodiös zu grooven und vollwertig musikalisch zu gestalten.

Kombination von großer Feinheit mit großer Gestaltungsfreiheit

Der wichtigste Höreindruck schöpft aus einer Kombination von großer Feinheit mit einer ebenso großen Gestaltungsfreiheit, denn auch bekanntere Titel sind ganz anders arrangiert als gewohnt, so etwa der 63 Jahre alte Sinatra-Klassiker „Making Whoopee“. Von „Le Bang Bang“ wird sehr sexy intoniert, Stefanie Boltz’ Stimme bleibt aber von einer rätselhaft distanzierten Aura durchzogen. Weniger die einladend vibrierende Schelmigkeit einer Ella Fitzgerald kommt hier durch, sondern eher eine metallen-kühle Lage – doch kein bisschen weniger bezirzend.

Beim bloßen Gesang bleibt es nicht: Fingerschnippen oder Schlagen auf den Korpus des Kontrabasses sorgen für rhythmischen Vortrieb, bevor das Streichen mit dem Bogen neuerlich zu mystischer Zartheit führt. In dieser Kombination bewirkt die Zeile „You’re so fucking special“, trotz der deftigen Wortwahl überaus verletzlich, eine deutliche Effekt-Steigerung dieser ursprünglichen Radiohead-Vorlage. Für die etwas flotter gepolten Zuhörer wird einmal auch eine Verzerrungs-Anlage hinzugenommen, sodass der Kontrabass auf einmal die schnarrende Prägnanz eines Didgeridoo annimmt.

Völlig entschwert erklingen dann noch verschlankte Versionen von 1980er-Jahre-Klassikern: „Time after time“ und „Owner of a lonely heart“, wobei das Gitarren-Solo des Originals hier wirkungsvoll als Bass-Jammen auftaucht. Dabei zeigt sich, dass dieses Konzert auch etwas zum Hinschauen bietet, denn Stefanie Boltz ist nicht einfach nur mit Singen beschäftigt, sondern entwickelt ihre Stimmklänge aus den Bewegungen des ganzen Körpers. Sie hält und löst Spannungen, tanzt wie in Zeitlupe oder greift energetisch mit der Hand aus, als gelte es, die wirkungsvollste Artikulation kraftvoll aus der Luft zu pflücken.

Die ebenso exakt wie leicht klingenden Interpretationen erhalten ihre volle Wirkung noch durch eine eigene Tonanlage. Ebenso wird das etwas außerhalb des Üblichen angelegte Konzept dadurch unterstrichen, dass „Le Bang Bang“ tatsächlich eigene, neue Aufnahmen auf echt-alten Vinyl-Schallplatten dabei hatte. Was den Plattenkäufern aber entgeht, ist die geradezu magische Wirkung der Live-Darbietung, die aus Raum und Zeit entführt, fast wie bei einem surrealistischen Kriminalfilm von David Lynch.

Andreas Frey