Der ehemalige Abtprimas: „Er ist ein Star“ Abt Notker Wolf ist wieder daheim in St. Ottilien – 16 Jahre „Gastarbeiter“ in Rom

Beate Bentele  10. Februar 2017

Abt Notker Wolf hat im vergangenen Jahr im indischen Bundesstaat Assam bei den Reisbauern gearbeitet: „Barfuß im Schlamm“, erzählt er, „und da war ein Lamperl, das hat mir was ins Ohr geflüstert.“ Foto: oh

St. Ottilien – „Er ist ein Star!“ – Mit Nachdruck weist mich mein langjähriger Assistent – überzeugter Ottilianer seit seinem ersten Schultag im Rhabanus-Maurus-Gymnasium der Erzabtei St. Ottilien, heute Redakteur – auf die globale Präsenz des gegenwärtig berühmtesten Benediktiners hin. Der hingegen setzt sein jugendliches, freches Lachen auf: „Ich bin ein normaler Mensch und einfacher Mönch – ich habe keinen Chauffeur mehr und keinen Sekretär. Jetzt mach ich alles selber. Schaden tut‘s mir nicht.“ Nach 16 Jahren als Abtprimas ist Notker Wolf (Jahrgang 1940) heimgekommen. „St. Ottilien ist meine Heimat und meine große Familie.“

Als Werner Wolf aus Grönenbach besuchte er das Gymnasium der Missionsbenediktiner in St. Ottilien. Nach dem Abitur trat er 1961 in den Orden ein. Er studierte Philosophie, Theologie, Zoologie, anorganische Chemie und Geschichte der Astronomie in Rom und München. 1971 wurde er Professor für Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie an der Päpstlichen Hochschule Sant’Anselmo auf dem Aventin-Hügel in Rom. Von 1977 bis 2000 leitete er als Erzabt das Kloster St. Ottilien, bevor er als Abtprimas des Ordens wieder nach Rom zurückkehrte und Chef von dem globalen Unternehmen mit über 1.000 Klöstern und 25.000 Mitarbeitern
wurde.

Seit seiner Wahl im Jahr 2000 hat der „Gastarbeiter in Rom“ jedes Jahr gut 300.000 Flugkilometer zurückgelegt. Er kennt die Probleme der Menschen, vor allem in den armen Ländern der Welt, bis ins Kleinste. Notker Wolf korrespondiert in 13 Sprachen, sieben davon spricht er fließend.

Der Mensch ist wie ein Muskel

Wir sitzen im Kloster St. Ottilien, fast Wand an Wand mit der Abteikirche und reden über die 1980-er Jahre, über die Blaue Grotte, Feedback, die Klöster in Dießen – und vor allem über heute: Seit 30. Oktober 2016 ist Notker Wolf im Ruhestand, „aber es fehlt mir keineswegs an Beschäftigung.“ Pro Tag, erzählt er, habe er drei bis vier Anfragen für Vorträge, „ich tu, was ich kann.“ Jeder Euro, den er für Vorträge, Bücher oder Management-Seminare kommt, fließt ins Kloster.

Natürlich ist der Kosmopolit nach wie vor unterwegs. Kürzlich reiste er nach Togo, weil ein Kloster, „das ich mitgegründet habe“ eingeladen hatte, „da bin ich natürlich dabei.“ Als der erste Schnee nach Weihnachten die Fluglinien bremste, flog Notker Wolf nach Palermo zu einem ökumenischen Treffen mit Bischöfen aus Norwegen, Schweden, Malta – und von der bayerischen Landeskirche. Retour gab es erhebliche Verspätungen mit den Kapriolen des Winters. Dabei sollte er im Anschluss einen Vortrag in Krefeld halten und dann in St. Ottilien die Exerzitien eröffnen: „Mein Alltag ist derselbe wie früher – nur die Ausgangsbasis ist eine andere.“ Im Übrigen gäbe es kein Menschenrecht auf ein bequemes Leben und vier Wochen Urlaub im Jahr. „Der Mensch ist veranlagt wie ein Muskel, wenn er nicht stetig beansprucht wird,
verkümmert er.“

Deshalb bleibe er unermüdlich tätig: „Ich schreibe nach wie vor meine Wochenkolumne in Bild der Frau. Und die Verlage geben auch keine Ruhe.“

Bis 2019 ist er ausgebucht, seine aktuelle Neuerscheinung bei Herder kommt am 20. März in den Buchhandel: „Schluss mit der Angst. Deutschland schafft sich nicht ab“. In der Vorankündigung heißt es, Bestsellerautor Notker Wolf kehrt nach 16 Jahren in seine Heimat zurück und bezieht Stellung, so wie man ihn kennt: klar, deutlich, mutig. Sein Buch ist ein brillantes Plädoyer für ein weltoffenes und erfolgreiches Deutschland. Sein Bekenntnis zu seiner Heimat, die er nicht Sarrazin, AfD und Pegida überlassen will.

Grundsätzlich gelten seine Bücher als Leitfaden für die Menschen der Zeit. Handreichung für mehr Ethik, Statements gegen die Angst und Plädoyers für die Lebensfreude. „Ich mag die Menschen“, lacht er, „i mag sie einfach d‘ Leit“, fällt er in seine vom frühen Leben im Allgäu geprägte Sprachfärbung (so wie er sich am Telefon spontan mit „Pronto“ oder „Abtpri … Abt Notker“ meldet).

Wie in einer guten Ehe

Womit wir wieder bei einem Thema angekommen sind, wo die blauen Augen leuchten: „Heimat – das ist die gute Gemeinschaft mit den Mitbrüdern, die mich nach 16 Jahren wieder voller Freude aufgenommen haben.“ Das sei nicht nur benediktinische Regel, sondern auch wie in einer guten Ehe – das gemeinsame Leben, das gemeinsame Arbeiten und füreinander Dasein. „Der Mensch ist nicht für das Single-Dasein geschaffen, sondern für die Gemeinschaft.“

Und weil alle Menschen auch Schwächen haben und Konflikte austragen, halte er es mit dem Heiligen Benedikt: „Die Sonne darf nicht untergehen, bevor man sich wieder ausgesöhnt hat.“

Mittlerweile läuten die Glocken zum 18 Uhr-Gebet und ich sehe die Schar der Mönche die mit ihren Kapuzen zur Andacht streben. Jedes Jahr, sagt der Abt, nehme man zwischen drei und fünf junge Mönche auf. Auf die Frage, warum zum Beispiel in Dießen die Klöster aussterben oder verkauft werden, eine klare Antwort: „Klöster brauchen ein Ziel.“ Orden, die einst für die Krankenpflege oder für die Bildung der Kinder gegründet wurden und erfolgreich gewirkt haben, benötige man nicht mehr, seitdem Gesundheitswesen und Bildung Staatsaufgaben geworden sind.

Zwischen Hardrock und Klartext

Anderes Thema: Titelt eine Publikation über den unabhängigen und unkonventionellen Geistlichen, der die Wahrheit lebt, der nicht spart mit Kritik an Politik und Gesellschaft, der Unpopuläres unter die Lupe nimmt: „Er spielt Hardrock – und redet Klartext“. Ist er als junger Erzabt mit der Gitarre Richtung Blaue Grotte gegangen, sind ihm viele gefolgt und manchmal gab es auch im Festsaal des Klosters Disco-Nebel und Hardrock der ehemaligen Schülerband Feedback mit Notker Wolf (Gitarre, Flöte).

Bei seinen Reisen ist der Abtprimas entweder mit seiner roten Gitarre oder der Querflöte unterwegs gewesen. So kennt ihn die Welt und dass sein Lieblingssong „Highway to Hell“ von ACDC ist, weiß man einfach. Oder wenn sich der Flieger im Steigflug befindet, „dann singe ich Led Zeppelins Stairway to Heaven“. Dass es auch zu seinem Heimat-Programm gehört: „Feedback kommt wieder, wir arbeiten dran.“

Während ich in der kalten Winternacht durch den Wald Richtung Pflaumdorf und Autobahn fahre, denke ich nochmal an den „Star“, der er unbestritten ist und seinen Kommentar: „Ich kann nicht mehr zurück – ich bin eine öffentliche Figur. Es wird aber auch die Zeit kommen, wo man kein Interesse mehr hat an mir – aber das ist mir wurscht.“ – Kein Interesse mehr? Nun, das glaube ich nicht.