Wie erlernt man Medienkompetenz? Vortrag über Erziehung zur Medienkompetenz an der Waldorfschule Huglfing

Nue Ammann  27. Januar 2017

Der Direktor der Freien Waldorfschule Weilheim/Huglfing, Dietmar Müller (r.), begrüßt den pädagogisch-therapeutischen Medienberater Uwe Buermann zum Vortrag. Foto: Ammann

Huglfing – Sollten schon Kleinkinder die „Wisch-und-Weiter-Kultur” von Smartphones und Tablets erlernen? Ist ein spielerisches Einüben der Handhabung solcher Geräte für Vorschul- und Grundschulkindern überhaupt geeignet, um Medienkompetenz zu erlernen? Fragen wie diese wurden bei einem Vortrag von Uwe Buermann an der Freien Waldorfschule Weilheim/Huglfing thematisiert und beantwortet.

Der aus Berlin angereiste Dozent, arbeitet als pädagogisch-therapeutischer Medienberater, Lehrer für Computerkunde an der Freien Waldorfschule in Kiel, Gastdozent an den Waldorflehrerseminaren Kiel und Hamburg, ist zudem seit 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Pädagogik, Sinnes- und Medienökologie (IPSUM-Institut) in Stuttgart und Vater dreier Kinder. Seine Vortragsreisen zum Thema Medienkompetenz führen ihn nicht nur quer durch die Republik, sondern auch ins deutschsprachige Ausland. Von der Freien Waldorfschule Weilheim/Huglfing, die bislang als reine Grundschule fungiert, eingeladen, grenzte er seine Erziehungsempfehlungen zur Medienkompetenz für die anwesenden Eltern auf Kinder im Vor- und Grundschulalter ein.

Ausgehend von der Frage, „welche Fähigkeiten und Fertigkeiten brauche ich, um als Nutzer die Angebote der Medienwelt sinnvoll nutzen zu können?”, referierte Uwe Buermann zunächst über die Situation der derzeit 14 -16jährigen Kinder, die entsprechend einer Prämisse von Frühförderung meist mit einem relativ unbeschränkten und spielerischen Zugriff auf verschiedenen Medien, von TV bis Internet, aufwuchsen. Den seit 2009 von der Universität Lübeck durchgeführten Studien „Prävalenz der Internetabhängigkeit (PINTA)” zufolge, waren im Jahr 2015 in der genannten Altersgruppe rund 4% der Kinder internetsüchtig und weitere 10% suchtgefährdet. Erschreckende Zahlen, die für Uwe Buermann deutlich belegen, dass die möglichst frühe, spielerische Heranführung an die Medienwelt kein geeigneter Weg sei, um tatsächliche Medienkompetenz zu erlangen. Diese ließe sich, so Buermann, nämlich nicht an einer geschickten Bedienung der Hardware festmachen, sondern sei die Befähigung, Medien sinnstiftend für das eigene Leben nutzen zu können.

Entsprechend habe Persönlichkeitsbildung, ebenso wie die Entwicklung von sozialen Kompetenzen, Empathiefähigkeit, Realitätssinn und Urteilsvermögen unbedingten Vorrang. Aktuell sei in vielen Bereichen ein Wechsel vom direkten, realen zum indirekten, virtuellen Erleben spürbar; dadurch werde unter anderem die Komplexität von Erfahrungen ausgespart, was einen bruchstückhaften Realitätsbezug der Kinder zur Folge habe. Eltern sollten daher, so Buermann, besondere Sorge dafür tragen, „dass Kinder ihre Primärerfahrungen in der Realität machen können”. Denn nur dann seien sie im Laufe ihrer weiteren Entwicklung in der Lage, faktische Informationen, Sinneseindrücke oder bildhaftes Geschehen sinnvoll und folgerichtig einzuordnen und zu verarbeiten. Mit der Begründung seiner Empfehlung setzte er bereits beim Medium Fernsehen ein, das sich nicht nur quantitativ verhundertfacht, sondern auch qualitativ in eine deutlich aggressivere Richtung entwickelt habe. „Fragen Sie sich, welche Bilder uns vor 30 Jahren erreichten und welche uns heute zugemutet werden. Und Bilder versteht jeder, auch unsere Kinder.”

Zu den Bildern von realen Gewalt- und Kriegsszenarien kämen zudem die fiktiven, aber täuschend echten Filmsequenzen, die Kinder als ebenso real begreifen würden, da ihnen die Erfahrung fehle, sie als Phantastereien identifizieren zu können. Eine besondere Gefährdung gehe auch von der Tatsache aus, dass „Kinder zum Markt geworden sind” und damit immer früher und eindringlicher bespielt würden. Dennoch wollte Buermann Unterhaltungsangebote nicht als per se gut oder schlecht bewerten, sondern er forderte die Eltern auf, über die altersgemäße Eignung der Angebote nachzudenken. Dies schließe mit ein, „Filme, die vor zwanzig Jahren als für 12jährige freigegeben waren, heute nicht als unbedenklich für Grundschulkinder anzusehen”. Eltern sollten den Bildkonsum ihrer Kinder sorgsam filtern un d auch das eigene Unbehagen angesichts grausamer Bilder, ob nun real oder fiktiv, zum Ausdruck bringen.

Buermanns zweistündiger, teils sehr unterhaltsamer Vortrag endete mit seinem appellhaften Fazit: „Echte Medienkompetenz beginnt mit Medienabstinenz”.

Mehr über Uwe Buermann und seine Empfehlungen: www.erziehung-zur-medienkompetenz.de.