Kunst ist das, was ein Künstler macht Bei der lechART diskutierten Experten über ein schwieriges Thema

Nicolas Digby  12. August 2016

Bei der lechART ging es in dieser Woche nicht nur um die Techniken des Malens oder Zeichnens sondern auch um die theoretische Beschäftigung mit der Frage, was Kunst ist. Hier die Diskussionrunde im Atelier Neuschnee in Landsberg, (r.) Alois Kramer. Fotos (2): Jordan

Landsberg – „Was ist Kunst?“, war die Frage, die der Dießener Philosoph Alois Kramer gleich zu Beginn des Expertengesprächs über Kunst im Atelier Neuschne, an der Hinteren Mühlgasse in Landsberg, am Dienstagabend zu beantworten hatte. Moderator Rupert Fegg (Direktor der Akademie der Bildenden Künste Kolbermoor) eröffnete damit die unter dem Titel „Kunst im Spannungsverhältnis angrenzender Disziplinen“ vor rund 25 Zuhörern geführte Diskussion im Rahmenprogramm von lechART. In dieser Woche werden nicht nur Techniken des Malens, Zeichnens, Aquarellierens oder des Bildens von dreidimensionalen Objekten eingeübt, sondern auch über diesen spröden Gegenstand nachgedacht.

Moderator Rupert Fegg (Direktor der Akademie der Bildenden Künste Kolbermoor), Wolfgang Z. Keller, Dr. Thomas Raff (v.l.).

Moderator Rupert Fegg (Direktor der Akademie der Bildenden Künste Kolbermoor), Wolfgang Z. Keller, Dr. Thomas Raff (v.l.).

Die Antwort, die der Theoretiker Kramer im Laufe des Gesprächs dann gab, war auf der einen Seite trivial, aber nach seinen Erläuterungen durchaus plausibel: „Kunst ist das, was ein Künstler macht.“ Der Witz dabei ist, so Kramer, dass nicht jeder ein Künstler ist. Er schilderte seine Begegnung mit dem berühmten Joseph Beuys auf der documenta 5 in Kassel 1972: Eine Person mit außergewöhnlicher Aura.

Dass sich der Kunstbegriff im Laufe der Zeit geändert hatte und dass Kunst etwas im Betrachter bewirkt, darüber waren sich alle Teilnehmer des Gesprächs einig. Insbesondere die Künstlerin und Psychologin Rita de Muynck wies darauf hin, dass Kunst nachweisbar in den Gehirnregionen etwas verändere. Dr. Thomas Raff, Kunsthistoriker aus Dießen, der Kunst vor allem auch unter dem Materialaspekt betrachtet, deutete Kunst als Ergebnis eines intersubjektiven Prozesses. „Kunst ist das, was viele dafür halten, schlecht ist es nur, wenn es nur einen gibt, der seine Werke für Kunst hält.“

Andrerseits berichtete die Kunstpädagogin Dr. Anna-Maria Schirmer von ihrer Praxis mit Schülern. Diese wären sehr wohl bereit, sich auf ein Kunstwerk einzulassen und über ihre Erfahrungen zu sprechen, selbst wenn sie zunächst nichts damit anfangen könnten. Kunst, so Kramer und Dr. Schirmers gemeinsame Ansicht, sei ein Eintauchen in ein fremdes Universum, einen fremden Kosmos, von dem aus wir wiederum die Welt mit anderen Augen sehen könnten.

Im Focus der Diskussion vom Dienstag stand moderne Kunst. Hier sind vor allem die Position des Betrachters gefragt, auf dessen subjektives Urteil, also ob es ihm gefällt oder nicht gefällt, ankommt.

Exemplarisch für die Subjektivität des Geschmacksurteils gab der Künstler Wolfgang Z. Keller – der die Galeristin Sigi Schwörer vertrat – einen Ausspruch von Museumsleiter Chris Dercon über eine Skulptur von Damien Hirst wieder: „Das ist ein richtiger Sch…“ Eine Stimme aus dem Publikum betrachtete diese Aussage als die wichtigste des ganzen Abends, weil sie zeige, dass auch der Mut zu solchen Äußerungen notwendig sei.

Friedhelm Klein, von 1969 bis 2004 Professor für Experimentelles Spiel und Medien an der Akademie der Bildenden Künste München und Kursleiter bei der lechART, wollte vor allem den emanzipatorischen Charakter von Kunst betont wissen, der bereits mit dem Zeichnen einer einfachen Linie beginne. Wir müssten uns wieder der Bedeutung einer solchen Handlung bewusst werden – vor allem in Zeiten einer plakativen Popularisierung von Meinungen, so Klein und verwies auf den politischen Aspekt von Kunst und Kunstschaffen.

Kurz vor 20.30 Uhr nahm das spannende, über eineinhalb Stunden reichende, hochkonzentrierte Gespräch nochmals volle Fahrt auf, als der Philosoph Kramer den Begriff der Aura eines Kunstwerks ins Spiel brachte, über den noch gar nicht nachgedacht wurde. Ein lohnender Aspekt, wie Moderator Rupert Fegg urteilte, jedoch knapp konstatierte: „Die Zeit ist um.“